Delivery Riders: Sicher unterwegs auf zwei Rädern
- Sicherer Radverkehr
- 2026
- Fahrrad und Pedelec
- Wege und Dienstwege
DVR und TU Dresden stellen Studienergebnisse zur Sicherheit von Delivery Rider*innen vor
Am 8. Juli 2026 hat der Deutsche Verkehrssicherheitsrat gemeinsam mit der Technischen Universität Dresden im BASECAMP Berlin die Ergebnisse des siebenmonatigen Forschungsprojekts „Delivery Riders - Sicher unterwegs auf zwei Rädern: Verkehrsunfälle und Präventionspotenziale im Arbeitsalltag von Rider*innen“ vorgestellt. Über 700 Rider*innen App-basierter Lieferdienste hatten an der Befragung teilgenommen.
In seiner Eröffnung machte DVR-Hauptgeschäftsführer Stefan Grieger deutlich, worum es geht: Hinter jeder schnellen Lieferung stehe ein Mensch, der sich im Straßenverkehr behaupten müsse – für Rider*innen sei die Straße nicht nur ein Weg von A nach B, sondern ihr Arbeitsplatz. Während Arbeitsbedingungen und Zeitdruck der Branche in den vergangenen Jahren immer wieder Thema gewesen seien, sei die Verkehrssicherheit bislang zu selten im Fokus gestanden – auch weil es an systematisch erhobenen Daten fehlte. Genau diese Lücke sollte das gemeinsame Projekt mit der TU Dresden schließen.
„Gute Präventionsarbeit beginnt nicht mit Vermutungen. Gute Präventionsarbeit beginnt mit Zuhören, mit dem Sammeln von Daten und mit einem möglichst genauen Blick auf die Realität.“
Warum es diese Studie braucht
Daniela Stanek/DVR
Dr. Coline Kuche, die das Projekt beim DVR u.a. verantwortet, ordnete das Thema anschließend ein. Die Branche sei mit der Corona-Pandemie stark gewachsen, inzwischen zeichne sich eine Marktkonsolidierung ab. Zuständigkeiten für Prävention und Versicherung verteilen sich je nach Anstellungsmodell auf drei Berufsgenossenschaften – erschwert dadurch, dass die Beschäftigungsverhältnisse selten eindeutig sind: Nur bei einem Anbieter sind alle Fahrer*innen direkt angestellt, bei anderen gilt ein hybrides Modell aus eigener Flotte und Subunternehmen, bei wieder anderen arbeiten alle über Subunternehmen. Kuche verwies zudem auf mediale Berichte über nicht ordnungsgemäße Meldung von Beschäftigten bei einzelnen Subunternehmen, die für Präventionsakteure damit schlicht nicht erreichbar seien – hier erhofft sie sich von der bis Jahresende anstehenden Umsetzung der EU-Plattformrichtlinie mehr Transparenz. Einen weiteren Themenstrang bildete die Fachkräfteeinwanderung: Ein Großteil der Rider*innen komme aus Indien und Pakistan und befinde sich in einer Übergangsphase, häufig unter finanziellem und psychischem Druck. Zur Startphase des Projekts berichtete Kuche von der aufwendigen Rekrutierung über mehrsprachige Flyer, Kooperationen mit Fahrrad-Leasingdiensten und Social-Media-Kanälen, um die schwer erreichbare Zielgruppe für die Befragung zu gewinnen.
Präsentation "Hintergrund und Projekt" – Dr. Coline Kuche (DVR) (PDF, 300 KB)
Fast ein Unfall pro Kopf und Jahr
Daniela Stanek/DVR
Juliane Anke von der TU Dresden stellte die zentralen Befunde vor. Die Kernzahl: Im Schnitt erlebt jede Rider*in aus der Umfragestichprobe 0,91 Unfälle pro Jahr – über die Hälfte der Befragten berichtete mindestens einen Unfall während ihrer gesamten Tätigkeitsdauer. Zur Einordnung zog Anke die sogenannte 1.000-Mann-Quote heran, mit der die gesetzliche Unfallversicherung Arbeitsunfälle zwischen Branchen vergleicht: Bei Ridern liegt sie bei knapp 300 meldepflichtigen Unfällen pro 1.000 Vollzeitbeschäftigten – etwa fünfmal so hoch wie in vergleichbaren Berufsfeldern.
Fast drei Viertel aller Unfälle sind Alleinstürze, häufig in Verbindung mit Infrastrukturmängeln wie unebene Flächen, rutschigen Untergrund oder Straßenbahnschienen. Schlechte Witterungsbedingungen sind der stärkste Prädiktor für Unfälle der Rider*innen. Kritisch sind zudem Interaktionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden – etwa abgelenkte Fußgänger*innen, regelwidrig fahrende Radfahrer*innen oder rechtsabbiegende Fahrzeuge. Auffällig auch: Während 95 Prozent der Rider*innen ihre eigene Regelkenntnis als gut einschätzen, berichtet fast die Hälfte von häufiger Angst, im Verkehr Fehler zu machen. Und: Nur schwere, meldepflichtige Unfälle werden zuverlässig erfasst – kleinere Vorfälle bleiben oft im Dunkelfeld, wie Anke betonte.
Präsentation "Studienergebnisse" – Juliane Anke (TU Dresden) (PDF, 4.42 MB)
Podiumsdiskussion
Daniela Stanek/DVR
Nach der Studienpräsentation richtete sich der Blick auf die Frage, was aus den Ergebnissen folgt. Unter der Moderation von Tanja Hohenstein (Referentin Public Affairs, DVR) diskutierten Marco Schäler (Geschäftsführer der Kommission „Verkehr“, Deutsche Polizeigewerkschaft), Samee Ullah (Mitglied des Lieferando-Betriebsrats und Lieferando Workers Collective), Martin Küppers (Leitung Handlungsfelder und Präventionskonzepte, BG Verkehr) und Juliane Anke, wie sich die Verkehrssicherheit von Riderinnen und Ridern konkret verbessern lässt – aus polizeilicher, gewerkschaftlicher, präventionsfachlicher und wissenschaftlicher Perspektive. Gleich zu Beginn setzte Martin Küppers einen deutlichen Akzent: Aus seiner Sicht liege der Schlüssel weniger in Aufklärungsvideos als in einer besseren Arbeitsorganisation – Verkehrssicherheit und Arbeitsschutz gingen hier Hand in Hand.
Samee Ullah machte algorithmische Vergütungsmodelle für den Zeitdruck verantwortlich, der zu riskantem Fahrverhalten führe, und forderte feste Anstellungen statt Bezahlung pro Bestellung. Marco Schäler bestätigte aus polizeilicher Sicht Kontrolllücken im Radbereich und wies auf viele im Ausland gefertigte E-Bikes hin, die hierzulande gar nicht zulassungsfähig sind. Küppers zog Vergleiche zu anderen Branchen mit klaren Schlechtwetter-Stopps, etwa im Flughafenbetrieb, und forderte verbindliche Regelungen für Lieferdienste. In der Publikumsrunde ging es zudem um die hohe Dunkelziffer nicht gemeldeter Unfälle sowie die Verantwortungsverlagerung an Subunternehmen.
In ihrer Abschlussrunde formulierten die Podiumsgäste klare Wünsche: eine stundenbasierte Bezahlung (Ullah), kostenfreie Schutzausrüstung (Anke), politische Unterstützung für den Dialog mit Arbeitgebern (Küppers) sowie eine wieder verstärkte, spezialisierte Verkehrsüberwachung im Fahrradbereich (Schäler).
Über die Studie
Die Studie „Sicher unterwegs auf zwei Rädern: Verkehrsunfälle und Präventionspotenziale im Arbeitsalltag von Rider*innen“ wurde von der Professur für Verkehrspsychologie der Technischen Universität Dresden im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates und in Zusammenarbeit mit diesem durchgeführt. Online befragt wurde eine Stichprobe von 709 aktiv Fahrenden von Fahrrädern, Pedelecs und Lastenrädern im urbanen Raum. Die Erhebung fand vom 18. Februar bis zum 19. April 2026 statt.
Die Studie wurde von Dipl.-Psych. Juliane Anke, Simon Heintzen (M.Sc.), Clara Moeller (B.Sc.) und Prof. Dr. rer. nat. habil. Tibor Petzoldt erarbeitet. Seitens des DVR wurde das Projekt von Dr. Coline Kuche, Claire Borowski und Kay Schulte umgesetzt.
Live-Mitschnitt der Veranstaltung
Ihr Feedback
Um unsere Veranstaltungen kontinuierlich weiterzuentwickeln, würden wir uns freuen, wenn Sie sich kurz Zeit für ein Feedback nehmen. Ihre Rückmeldungen sind für uns sehr wertvoll.