"Fit für die Unfallkommission"

Blended Learning für mehr Verkehrssicherheit in Baden-Württemberg

Grafik der Blended-Learning-Lernreise ‚Fit für die Unfallkommission‘ mit sechs aufeinanderfolgenden Modulen entlang einer geschwungenen Straße, von Grundlagen und Unfallanalyse bis zum Praxisseminar.

Akteure: Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg (Projektträger); rund zehn Fachexpertinnen und Fachexperten aus Unfallkommissionen in Baden-Württemberg (fachliche Beratung); CLC - Corporate Learning & Change GmbH, Stuttgart (didaktische und fachliche Konzeption und Umsetzung)

Projektstart: 2025

Ort: Baden-Württemberg

Handlungsfeld: Bestehende und wirksame Maßnahmen fördern

Mehr Informationen: Comenius-EduMedia-Medaille 2025 – Projektvorstellung und Laudatio, 3. Nationale Verkehrssicherheitskonferenz 2026 des BMV, Präsentation „Fit für die Unfallkommission“ – Forum 4

Unfallkommissionen untersuchen Unfallhäufungsstellen, entwickeln Maßnahmen zur Beseitigung von Gefahren und begleiten deren Umsetzung. Um ihre Mitglieder für diese anspruchsvolle Aufgabe einheitlich und praxisnah zu qualifizieren, hat Baden-Württemberg das Blended-Learning-Angebot „Fit für die Unfallkommission – flexibel lernen, fundiert entscheiden“ entwickelt.


Kurzbeschreibung des Projekts

  • „Fit für die Unfallkommission“ ist ein landesweit einheitliches Qualifizierungsangebot für Mitglieder von Unfallkommissionen in Baden-Württemberg.

  • Das Blended-Learning-Konzept verbindet digitale Selbstlernformate, Webinare, Praxisübungen und ein Praxisseminar.

  • Es stärkt die fachübergreifende Zusammenarbeit und Handlungssicherheit bei der Analyse von Unfallhäufungsstellen.

  • Das modulare Angebot ermöglicht eine flexible, praxisnahe Qualifizierung von jährlich mindestens 100 Teilnehmenden.

Ausgangslage und Motivation

In Baden-Württemberg arbeiten rund 150 Unfallkommissionen mit insgesamt etwa 450 Mitgliedern. Die Beteiligten bringen unterschiedliche fachliche Hintergründe, Vorkenntnisse und Erfahrungen mit. Einheitliche und kontinuierliche Qualifizierungsangebote waren bislang nur begrenzt verfügbar. Hinzu kommen komplexe Anforderungen, ein breiter fachlicher Anspruch und eine hohe Anzahl an zu qualifizierenden Personen. Klassische mehrtägige Präsenzformate lassen sich angesichts von Personalwechseln, Teilzeitstrukturen und begrenzten zeitlichen Ressourcen zudem nur eingeschränkt flächendeckend umsetzen.

Eine fachliche Qualifizierung der Mitglieder ist rechtlich vorgesehen (VwV-StVO zu § 44, Ländererlass) und eine wichtige Voraussetzung für wirksame Unfallkommissionsarbeit. Sie hilft dabei, Unfallursachen fachübergreifend zu bewerten, Unfallhäufungsstellen zielgerichtet zu analysieren und geeignete Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen.

„Fit für die Unfallkommission“ setzt hier an: Die Qualifikation sollte landesweit einheitlich, flexibel zugänglich und eng an der praktischen Arbeit der Unfallkommissionen ausgerichtet sein und die unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen berücksichtigen. Das Ziel bestand vor allem darin, Handlungskompetenzen der Mitglieder zu stärken und die Zusammenarbeit der drei Fachdisziplinen zu fördern.


Maßnahmen und Umsetzung

Eine Wissens- und Rahmenanalyse klärte vorab, welche Kompetenzen die Mitglieder der Unfallkommissionen benötigen. Darauf aufbauend wurde eine gemeinsame Qualifizierung für alle drei beteiligten Fachdisziplinen entwickelt.

Die Lernreise umfasst acht fachliche Module sowie ein Start- und ein Praxismodul. Die Inhalte reichen von Rechts- und Handlungsgrundlagen über die Unfallanalyse bis zur Entwicklung und Auswahl geeigneter Maßnahmen. Zum Einsatz kommen Web-Based-Trainings, interaktive Microlearnings, begleitende Webinare und ein abschließendes Praxisseminar. Eine Lernbegleitung unterstützt die Teilnehmenden während der gesamten Qualifizierung.

Im Praxisseminar wird das erworbene Wissen anhand realer Fallbeispiele angewendet. Die Teilnehmenden simulieren Sitzungen von Unfallkommissionen und arbeiten dabei in ihren jeweiligen fachlichen Rollen. Das Format fördert zugleich Vernetzung und Erfahrungsaustausch.

Der Blended-Learning-Ansatz ermöglicht es, wesentliche Teile der Qualifizierung zeitlich und örtlich flexibel zu absolvieren. Gleichzeitig bleibt der interdisziplinäre Austausch ein fester Bestandteil des Konzepts. Das Programm ist auf eine nachhaltige und skalierbare Durchführung ausgelegt; jährlich sollen mindestens 100 Mitglieder von Unfallkommissionen kostenfrei qualifiziert werden.

Mit dem Konzept wird erstmals eine landesweit einheitliche Qualifizierung ermöglicht. 


Beitrag zur Verkehrssicherheit

Das Projekt stärkt die Verkehrssicherheit durch eine systematische und kontinuierliche Qualifizierung der Mitglieder von Unfallkommissionen. Durch mehr Fach- und Handlungssicherheit können Unfallhäufungsstellen  fundiert analysiert sowie geeignete Maßnahmen zielgerichteter entwickelt und umgesetzt werden. Dadurch trägt das Angebot dazu bei, die Unfallursachen zielgerichteter zu beseitigen und somit schwere Verkehrsunfälle und ihre Folgen zu verringern.


Ergebnisse und Evaluation

Bis Mitte 2026 wurden 125 Mitarbeitende aus Straßenverkehrs- und Straßenbaubehörden sowie der Polizei qualifiziert; weitere 58 absolvieren derzeit die Fortbildung. Die Evaluation weist auf eine hohe Zufriedenheit hin. Besonders positiv bewertet wurden die Praxisnähe, die klare Struktur, die Microlearnings und der fachübergreifende Austausch.

Das Konzept schafft einen einheitlichen Qualifizierungsstandard für die Unfallkommissionsarbeit in Baden-Württemberg. Es wurde 2025 mit einer Comenius-EduMedia-Medaille ausgezeichnet und auf der 3. Nationalen Verkehrssicherheitskonferenz im April 2026 als Best-Practice-Beispiel vorgestellt. Inzwischen konkretisiert sich auch die Übertragung auf andere Bundesländer: Niedersachsen bereitet derzeit die Adaption des baden-württembergischen Konzepts vor; auch Nordrhein-Westfalen hat konkretes Interesse an einer Übernahme bekundet.

Die Lernreise ist auf drei Monate angelegt. Die einzelnen Module werden in der Regel im Zwei-Wochen-Rhythmus freigeschaltet und können innerhalb dieses Zeitraums flexibel bearbeitet werden. Für die digitalen Selbstlernmodule sind insgesamt rund fünf Stunden vorgesehen; hinzu kommen zwei jeweils zweistündige Webinare, ein sechsstündiges Praxisseminar sowie Vorbereitungszeiten für einzelne Praxisaufgaben. Der individuelle Zeitaufwand kann abhängig von Vorkenntnissen und Lerntempo variieren.


Übertragbarkeit

Das Konzept basiert auf bundesweit geltenden fachlichen Grundlagen (StVO, VwV-StVO und das FGSV-Merkblatt zur Örtlichen Unfalluntersuchung in Unfallkommissionen). Zentrale Inhalte können daher grundsätzlich auch von anderen Bundesländern genutzt und an landesspezifische Strukturen angepasst werden.

Die digitale, modulare Gestaltung erleichtert die Übertragung und ermöglicht die Qualifizierung einer größeren Zahl von Teilnehmenden, ohne alle Inhalte als Präsenzveranstaltung durchführen zu müssen. Baden-Württemberg stellt das Konzept anderen Ländern kostenfrei zur Verfügung, sofern die grundlegende didaktische Konzeption und das Zusammenspiel der verschiedenen Lernformate erhalten bleiben.

Wie eine Übertragung auf andere Bundesländer konkret ausgestaltet werden kann und welche Anpassungen hierfür erforderlich sind, wird derzeit im Rahmen der Adaption des Konzepts in Niedersachsen konkretisiert. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat e. V. (DVR) begleitet diesen Prozess und dokumentiert den mit der Adaption verbundenen Aufwand. Die dabei gewonnenen Erfahrungen sollen es weiteren Bundesländern ermöglichen, die erforderlichen Anpassungen sowie den personellen, technischen und finanziellen Aufwand einer Übernahme künftig besser einzuschätzen.

In der Übertragbarkeit auf weitere Bundesländer liegt ein besonderes Potenzial des Konzepts: Mit jeder weiteren Adaption kann sich seine Wirkung über die Landesgrenzen von Baden-Württemberg hinaus vervielfachen und zu einer bundesweit einheitlicheren und qualitativ hochwertigen Unfallkommissionsarbeit und damit zu mehr Verkehrssicherheit beitragen – auf dem Weg zur Vision Zero.