„Viel zu selten wird an die Fahrer gedacht“

23. DVR-Forum „Sicherheit und Mobilität“: Nutzfahrzeuge in Deutschland – Vorfahrt für Wirtschaftlichkeit oder Sicherheit?

Bonn, 22. Juni 2017 (DVR) – Im Jahr 2015 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mehr als 15.500 Güterkraftfahrzeuge über 3,5 Tonnen und Sattelzüge an Unfällen mit Personenschaden beteiligt. Bei diesen Unfällen sind 242 Menschen ums Leben gekommen, 10.844 wurden verletzt. Sind Brummis also eine echte Gefahr auf unseren Straßen? Wie sind die Arbeitsbedingungen für das Fahrpersonal? Gibt es genug Parkplätze für die vorgeschriebenen Ruhezeiten? Ist Deutschland als Transitland Nummer eins in Europa besonders gefährdet? Diese und weitere Fragen wurden beim 23. Forum „Nutzfahrzeuge in Deutschland – Vorfahrt für Wirtschaftlichkeit oder Sicherheit?“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) am 19. Juni 2017 in Frankfurt/M. diskutiert.

DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf begrüßte die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung, die von der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation (BG Verkehr) und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) unterstützt wurde.

Er ging auf die hohe Beanspruchung des Fahrpersonals sowie auf die schweren Unfälle, die im Schwerlastverkehr immer wieder verursacht werden, ein. „Hier können elektronische Fahrerassistenzsysteme, besonders Notbremsassistenten, einen wichtigen Beitrag leisten, Unfälle zu vermeiden oder zumindest in ihren Folgen abzuschwächen“, sagte der DVR-Präsident.

Moderiert wurde das Forum von Matthias Rathmann, Chefredakteur der Fachzeitschrift „trans aktuell“.

Stress für die Fahrer

Die große Bedeutung des Transportgewerbes unterstrich auch Klaus Peter Röskes, Vorsitzender des Vorstands der BG Verkehr: „Wir bringen Waren von A nach B und sind ein wichtiger Bestandteil des Wirtschaftssystems. Viel zu selten wird allerdings an die Fahrer gedacht.“ Er beklagte den Zustand der Straßeninfrastruktur und ging auf die großen Herausforderungen für das Fahrpersonal ein: Stress durch die Just-in-time-Lieferkette, lange Wartezeiten mit mangelnden Versorgungsmöglichkeiten an den Be- und Entladestellen, fehlende Parkmöglichkeiten, Wetter- und Witterungseinflüsse sowie die zunehmende Technisierung in den Fahrzeugen.

Diese Stressfaktoren führen zu einer ungesunden Lebensweise, mangelndem Schlaf und bringen gesundheitliche Risiken mit sich. Hinzu kommt die monotone und routinierte Fahraufgabe, die zu Langeweile und Unterforderung führen kann. In der Folge wird der Fahrer unaufmerksam, er lenkt sich mit fahrfremden Tätigkeiten ab, hält zu wenig Sicherheitsabstand und unterschätzt insgesamt sein Unfallrisiko. Das machte Dr. Axel Malczyk von der Unfallforschung der Versicherer deutlich, der das Unfallgeschehen mit Lkw-Beteiligung in Deutschland beleuchtete.
Er rückte auch die immer wieder vorkommenden Rechtsabbiegeunfälle in den Fokus, bei denen vor allem Radfahrer und Fußgänger verletzt oder gar getötet werden. „Diese Unfälle werden meist innerorts an Knotenpunkten, bei Tageslicht und trockener Witterung verursacht“, erläuterte der Unfallforscher. Er plädierte dafür, die direkte Sicht zu verbessern. Dazu könnten auch die Fahrer einen Beitrag leisten, indem sie „durch Gegenstände auf der Instrumententafel aus der Fahrerkabine keine Schaufensterauslage machen“. Darüber hinaus könnten elektronische Abbiegeassistenten das Unfallrisiko verringern.

Schwachstelle Mensch

Was passiert tatsächlich Tag für Tag auf unseren Straßen und kann das auf Dauer gut gehen? Einen interessanten Einblick in seine Arbeit gab Thomas Fiala von der Autobahnpolizei Köln. Er und seine Kollegen beobachten zunehmend Fahrer, die durch Smartphone, Tablet und Co. abgelenkt sind. Problematisch sei nach wie vor die Gurtquote bei den Fahrern. „Nachts ist nur ein Viertel der Fahrer angeschnallt“, schilderte der Verkehrssicherheitsberater seine Erfahrungen im Großraum Köln. „Der Mensch ist die Schwachstelle“, fasste der Polizist zusammen. Stichwort Parkplatznot: „Wir versuchen als Polizei, den Fahrern zu helfen und sie gut zu beraten. Aber auch uns gehen allmählich die Geheimtipps aus“, sagte Fiala. Ausweichmöglichkeiten in Gewerbegebiete nahe der Autobahn fallen zunehmend weg, da Kommunen aufgrund von Bürgerprotesten Parkverbote verhängen.

„Die Leute möchten frische Milch im Kühlschrank haben, aber keine parkenden Lkw abseits der Autobahn“, brachte es der Journalist und Autor Jan Bergrath auf den Punkt. Dies führe dann zu dem sehr gefährlichen „wilden Parken“ auf den Beschleunigungs- und Verzögerungsstreifen auf den Autobahnen.
Derzeit fehlen nach Angaben von Johannes Witt von der Vereinigung Deutscher Autohöfe (VEDA) rund 20.000 Lkw-Parkplätze in Deutschland.

Von unwürdigen Arbeitsbedingungen für die Lkw-Fahrer sprach Stefan Thyroke von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di). Die Touren seien häufig zu dicht getaktet und für die Fahrer gestalte sich der Arbeitsalltag sehr schwierig: Wo finde ich einen Parkplatz? Wo schlafe ich, schlafe ich überhaupt? Wo kann ich mich waschen und für das leibliche Wohl sorgen? Das seien zentrale Fragen dieser Berufsgruppe.

Manipulation 4.0

Auf ein weiteres Problem ging Andreas Marquardt, Präsident des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG), ein. Die Quote der Verstöße gegen die Lenk- und Ruhezeiten liege im Schnitt bei rund 20 Prozent. Als besorgniserregend betrachtet er die Manipulationen des digitalen Tachografen. Den verbotenen Einsatz von Magneten bezeichnet er als Manipulation 1.0, „heutzutage sind wir bei der Manipulation 4.0, und das sind Eingriffe in die Motorsteuerung der Fahrzeuge über den CAN-Bus“. Dadurch könnten wichtige technische Systeme des Fahrzeugs unbrauchbar werden. Hier handele es sich nach Auffassung des BAG-Präsidenten um „hohe kriminelle Energie“, bei den Strafverfolgungsbehörden müsse allerdings noch das Verständnis für die Gefahr solcher Manipulationen geweckt werden.

Gibt es schwarze Schafe?

Dr. Erwin Petersen von der Landesverkehrswacht Niedersachsen präsentierte Ergebnisse einer Studie, die untersucht hat, ob ausländische Lkw häufiger an Unfällen beteiligt sind als deutsche. „Anders als oftmals behauptet, waren die Verursacher- und Getötetenrate bei Lkw-Unfällen mit schweren Personenschäden auf niedersächsischen Autobahnen im Jahr 2015 bei ausländischen Güterkraftfahrzeugen geringer als bei deutschen“, fasste der Technikexperte zusammen. Im Folgejahr seien die Raten für deutsche Lkw deutlich gesunken, die der ausländischen Güterkraftfahrzeuge hingegen gestiegen. Ein Grund für diese Entwicklung könnte sein, dass deutsche Lkw zunehmend mit Notbremsassistenzsystemen ausgestattet seien und sich die Sicherheit dadurch deutlich erhöhe. In ausländischen Fahrzeugen sei die Ausstattungsrate deutlich geringer. „Notbremssysteme können sehr viele Auffahrunfälle verhindern und Unfallfolgen mindern, wenn sie nicht abgeschaltet oder vom Fahrer ‚unglücklich‘ übersteuert werden“, zeigte sich Dr. Petersen vom Sicherheitspotenzial der elektronischen Helfer überzeugt.

Das bestätigte Professor Dirk Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Fahrerassistenzsysteme müssten nach einer manuellen Abschaltung durch den Fahrer nach einer bestimmten Zeit aber wieder automatisch aktiviert werden. Dies unterstützte auch DVR-Präsident Dr. Eichendorf, der ankündigte, diese Forderung an den Gesetzgeber heranzutragen. Ferner komme es darauf an, die Fahrer im Hinblick auf Funktionsweise und Nutzen der Assistenzsysteme zu qualifizieren.
Insgesamt müsse das Image des Kraftfahrerberufes in der Öffentlichkeit verbessert werden. Gleiches gelte für die Rahmenbedingungen: „Sie müssen verbessert werden, um Nachwuchskräfte wieder für die Berufsausbildung zum Kraftfahrer gewinnen zu können", sagte Engelhardt.

Technischer Fortschritt in der Infrastruktur

Neben den unsichtbaren Helfern im Fahrzeug kann auch die zunehmende technische Entwicklung im Bereich der Infrastruktur dazu beitragen, die tägliche Arbeit der Fahrer auf unseren Straßen zu erleichtern und sicherer zu gestalten. Wie könnte die Autobahn der Zukunft, die Autobahn 4.0, aussehen? Jörg Hofmeister von der Autobahn Tank & Rast GmbH sieht drei zentrale Treiber: Vernetzung, Autonomie und Elektromobilität. Bei der Vernetzung sieht Hofmeister große Vorteile in telematischen Systemen, die für einen Datenaustausch zwischen Fahrzeugen, aber auch zwischen Fahrzeugen und der Infrastruktur, sorgen. Dazu zählt der Experte aber auch intelligente Parkleitsysteme zur optimalen Nutzung des Parkraums.

Mit Blick auf das automatisierte Fahren sieht er im sogenannten „Platooning“ Potenzial, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Hier können mehrere Fahrzeuge mit Hilfe eines technischen Steuerungssystems in sehr geringem Abstand (zehn bis 15 Meter) hintereinander fahren.
Was die Elektromobilität angeht, sieht Hofmeister die größte Herausforderung in der Batterietechnik, mittelfristig geht er von einer Hybridisierung im Güterkraftverkehr aus.

Erfahrungen aus der Branche

Wirtschaftlichkeit und Sicherheit müssen nicht im Widerspruch stehen. Darauf wiesen Ralph Feldbauer, Risk Manager bei der Allianz Versicherung, Christopher Schuldes, Schuldes Spedition GmbH, und Andreas Lüer, BAUKING AG, hin. Es komme auf die gute Kombination von Mensch, Technik und Organisation an. „Das fängt schon damit an, dass zwei Drittel der Spiegel an den Nutzfahrzeugen falsch eingestellt sind“, sagte Lüer, der in seiner Firma das Versicherungswesen leitet. Durch effektive Maßnahmen im Risk Management, zum Beispiel Schulungen und Qualifizierungsmaßnahmen, konnten die Versicherungsschäden im Unternehmen um 65 Prozent gesenkt werden.
Auch die Spedition Schuldes legt viel Wert auf Sicherheit und macht gute Erfahrungen damit, die Fahrer einzubinden und deren Erfahrungen zu nutzen. Das bestätigte Risk Manager Feldbauer: „Es hilft die beste Technik nichts, wenn der Fahrer nicht ausreichend geschult ist.“



Downloads


pdf Dr. Axel Malczyk: Sind Brummis eine echte Gefahr?

pdf Dr. Erwin Petersen: Nutzfahrzeuge in Deutschland - Vorfahrt für Wirtschaftlichkeit oder Sicherheit?

pdf Prof. Dr. Dirk Engelhardt: Reicht die Qualifikation der Berufskraftfahrer in Deutschland (und Europa) aus?

pdf Andreas Lüer: Nimmt der Stress in der Branche zu?

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TIPPS

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Verkehrssicherheitsprogramme für Radfahrer
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