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„Das Fahrrad ist ein Gewinner-Thema“

Presseseminar „Zweiradsicherheit in Deutschland“

Aus DVR-report 2/2016

Fahrräder und Motorräder standen im Blickpunkt des DVR-Presseseminars „Zweiradsicherheit in Deutschland“, das am 27. und 28. Juni 2016 in Münster stattfand. Dabei ging es um Unfallursachen und Lösungen zur Reduzierung der Gefährdung für die Nutzerinnen und Nutzer dieser Fahrzeuge.

Gunnar Fehlau (pressedienst-fahrrad, Göttingen) bot unter dem Titel „Technik, Typen, Taktik“ Informationen aus der urbanen Pedal-Praxis. „Das Fahrrad ist ein Gewinner-Thema“, sagte Fehlau. Egal, welche Frage man heute stelle, das Fahrrad gehöre zur Antwort: bei der Parkplatznot, beim Bewegungsmangel, beim neuen Wohnen und bei vielen anderen Themen. Transport-Fahrräder würden zunehmend für die Logistik genutzt. Auch im Fuhrparkmanagement spielten Fahrräder eine zunehmende Rolle: Manche Beschäftigte wollten lieber ein Dienstfahrrad als einen Dienstwagen fahren. Der Ausbau der Infrastruktur könne mit dem raschen Vormarsch des Fahrrades jedoch nicht schritthalten. Damit Radfahren sicherer werde, bedürfe es eines Dreiklangs: der Eigenkompetenz, der Kompetenz anderer Verkehrsteilnehmender und der Systemkompetenz. Wer mit dem Rad fährt, könne selbst eine Menge für die Sicherheit tun: Das Rad müsse passen, technisch funktionstüchtig und ergonomisch richtig eingestellt sein. Darüber hinaus sei es wichtig, in sinnvolle Ausrüstung wie Lichtanlagen, Bremsen, Reifen, Helme und Reflex-Ausstattung zu investieren, die Fahrzeugbeherrschung zu verbessern und Strecken clever zu wählen.

Stephan Böhme (Amt für Stadtentwicklung und Verkehrsplanung, Münster) erläuterte unter dem Titel „Fahrradhauptstadt Münster“ das Verkehrssicherheitskonzept seiner Heimatstadt. Die Radwege, die man in den 1970er Jahren gebaut habe, seien heute alle zu schmal. Darauf habe man mit zahlreichen Maßnahmen reagiert, zum Beispiel mit der Umwandlung von Erschließungsstraßen in Fahrradstraßen, auf denen Radfahrer Vorrang haben. Einen positiven Effekt habe auch die Aufstellung von Fahrrad-Ampeln mit Gelbkammern, so dass sich Radfahrer besser auf den Farbwechsel einstellen könnten. Die Zahl der Rotlichtverstöße habe sich dadurch deutlich reduziert. Münster habe ein Verkehrssicherheitsprogramm aufgelegt, das auf die Themenfelder Überwachung, Entschärfung von identifizierten Unfallhäufungsstellen, die Revision von Radverkehrsanlagen, Öffentlichkeitsarbeit sowie Verkehrsaufklärung ziele. Als wachsende Stadt müsse sich Münster auf zunehmende Pendlerströme einrichten. hierzu sei ein Konzept von stadtregionalen Velorouten entwickelt worden, die das Umland mit Münster verbinden sollen.

Franz P. Linder (Planerbüro Südstadt / P.3 Agentur für Kommunikation und Mobilität, Köln) richtete unter dem Titel „Radverkehr 3.0“ einen innovativen Blick in die Zukunft des Radverkehrs. Ein „Weiter so“ funktioniere nicht. Notwendig sei ein grundlegend neues Denken. Das Thema Autostadt sei vorbei, man befinde sich auf dem Weg zur Fahrradstadt. Letztlich gehe es um eine neue transformierte Infrastruktur, die schon aufgrund ihrer einladenden Gestaltung und Dimensionierung bewegungsaktivierend sei. Ein Netz von regionalen Radschnellwegen könnten Städte und Umland verbinden. Dies sei auch für den Pendlerverkehr sinnvoll, da 30 Prozent der Pendlerfahrten Strecken unter zehn Kilometern beträfen. Die Kombination Radschnellweg und Pedelec sei das ganz große Thema: „Radschnellwege sind das Strukturelement, das neu und effektiv ist und uns die nächsten 20 Jahre beschäftigen wird“, stellte Linder fest.

Der erste Tag des Presseseminars fand seinen Abschluss mit einem Praxisteil, der von Jan Marc Zander (Trailtech, Waake) geleitet wurde. Auf dem nahe gelegenen Schulhof der Aegidii-Ludgeri-Schule erläuterte Zander die fahrtechnischen Besonderheiten bei der Pedelec-Nutzung und führte mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Übungen durch. hierfür standen zahlreiche moderne Pedelecs zur Verfügung.

Am zweiten Tag ging es um die Motorradsicherheit. Dr. Matthias Kühn (Unfallforschung der Versicherer, Berlin) gab einen Überblick über die Unfallursachen von Motorradunfällen in Deutschland. Bei den besonders schwerwiegenden Unfällen auf Landstraßen stünden Fahrunfälle im Vordergrund, auch Abbiegeunfälle seien hier häufig zu verzeichnen. oft lägen solchen Unfällen Wahrnehmungsprobleme zugrunde. Während der Helm fast immer getragen werde, gebe es bei der Schutzkleidung Verbesserungsbedarf: „Je kleiner das Motorrad, umso weniger Schutzkleidung wird getragen“, sagte Kühn. In einer Studie zu schweren Motorradunfällen im Saarland sei ermittelt worden, dass nahezu jeder fünfte dieser Unfälle mit ABS hätte vermieden werden können. Ein Drittel der untersuchten Alleinunfälle wären durch E-Call, den automatischen Notruf, positiv beeinflussbar gewesen. Technische Neuerungen bräuchten jedoch Zeit, bis sie sich im Fahrzeugbestand verbreitet hätten, dann könnten sie stabil und nachhaltig wirken.

Beata Telingo (BMW) legte in ihrem Vortrag dar, dass es zwei Hauptgründe für die Unfallzahlen bei motorisierten Zweirädern gebe: einerseits die fehlende passive Sicherheit, andererseits die komplexere Fahrdynamik. Zum umfassenden Sicherheitsansatz bei BMW gehöre der verstärkte Einsatz von Fahrerassistenzsystemen, Fortschritte im Bereich der Fahrerausstattung sowie Fahrer-Trainings. Alle Fahrerassistenzsysteme, die in Pkw verbaut werden, werden auch im Hinblick auf das Zusammenspiel mit motorisierten Zweirädern entwickelt. Ein Beispiel dafür sei der Linksabbiegeassistent: Der Pkw bremst automatisch, wenn er sich auf einer Linksabbiegespur einem entgegenkommenden Zweirad annähert. Extrem wichtig sei auch das Fahrertraining auf dem Platz und auf der Straße. In diesem Zusammenhang hob Telingo die Zusammenarbeit mit dem DVR hervor.

Helmut Nikolaus (Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, Köln) sprach in seinem Vortrag „Motorradfreundliche Straßen“ über die Verbesserung der Verkehrssicherheit auf Motorradstrecken. Im Verlauf der Entwicklung des Merkblattes zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf Motorradstrecken (MVMot) habe man zahlreiche Unfälle analysiert und Verbesserungsbedarf bei der Infrastruktur gefunden. Beispielsweise könne der Streckenverlauf in Kurven besser verdeutlicht und das Erkennen von Knotenpunkten und unvorhersehbarem Querverkehr erleichtert werden. Fahrbahnoberflächen müssten homogenisiert und in störungsfreiem Betriebszustand erhalten werden. Wichtig seien auch hindernisfreie Seitenräume. Die Wirksamkeit und der volkswirtschaftliche Nutzen dieser Maßnahmen seien erwiesen. Nikolaus kritisierte den seiner Meinung nach fehlenden politischen Willen der Verwaltungen zur Umsetzung der Verbesserungsmaßnahmen bei Bund und Ländern. „ohne ernsthaftes gesamtstaatliches Bemühen um eine systematische Verhaltensbeeinflussung und umfassende präventive und repressive Maßnahmen sollte man sich vom Begriff der Vision Zero verabschieden“, war sein bitteres Fazit.

In seinem Schlusswort wies Sven Rademacher (DVR) darauf hin, dass das Thema Zweirad aus Sicht der Verkehrssicherheit von hoher Bedeutung sei. Sowohl beim Fahrrad als auch beim Motorrad spiele die Infrastruktur eine große Rolle. Aus Sicht des DVR befinde sich der Mensch im Zentrum der Betrachtung. Rademacher appellierte daher an alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer, sich mit Verständnis und Rücksicht zu begegnen.

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Titel Referent/-in Abstract Präsentation
Technik, Typen, Taktik
Informationen aus der urbanen Pedal-Praxis
Gunnar Fehlau
pressedienst-fahrrad, Göttingen
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Fahrradhauptstadt Münster
Das Verkehrssicherheitskonzept der Stadt
Stephan Böhme
Amt für Stadtentwicklung und Verkehrsplanung, Münster
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Radverkehr 3.0
Ein innovativer Blick nach vorne
Franz P. Linder
Planerbüro Südstadt / P.3 Agentur für Kommunikation und Mobilität, Köln
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Motorradunfälle in Deutschland
Ursachen, Maßnahmen und ihre Wirkung
Dr. Matthias Kühn
Unfallforschung der Versicherer, Berlin
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Motorradsicherheit
Herausforderung und neue Chancen als Partner der vernetzten Mobilität
Beata Telingo
BMW Motorrad, München
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Motorradfreundliche Straßen
Verbesserung der Verkehrssicherheit auf Motorradstrecken
Helmut Nikolaus
Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, Köln
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