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Mehr Schutz für die Ungeschützten

DVR-Presseseminar: Fußgänger und Radfahrer besonders gefährdet

Aus DVR-report 3/2014

Weltweit gelten Fußgänger, Radfahrer und ältere Menschen als die „Verlierer“ der Mobilität. Warum sind Kinder im Straßenverkehr so sehr gefährdet? Woran liegt es, dass die Gefährdung bei älteren Radfahrerinnen und Radfahrern zugenommen hat? Welchen Beitrag können Notbremsassistenzsysteme zur Verhinderung von Fußgängerunfällen leisten? Welches Potenzial steckt in der Verbesserung der Infrastruktur? Diesen und weiteren Fragen widmete sich das DVR-Presseseminar „Ungeschützte Verkehrsteilnehmer“ am 28. und 29. August 2014 in Kastellaun.

Antonie Kerwien (Foto > GWM)
Antonie Kerwien (Foto > GWM)

Antonie Kerwien, OECD Berlin, informierte über Ergebnisse der neusten Studien des Weltverkehrsforums zu ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Weltweit sind pro Jahr 1,3 Millionen Verkehrstote und 20 bis 50 Millionen Schwerverletzte zu beklagen, 90 Prozent davon in den Schwellenländern. Der Verkehrsunfall sei die Todesursache Nummer eins bei den 15- bis 20-Jährigen. In den Schwellenländern sei die Infrastruktur nicht auf die schnell zunehmende Motorisierung ausgelegt und die Menschen nicht an starken Verkehr gewöhnt. In Industriestaaten sei die Lage im Vergleich dazu günstiger. „Die Zahl der Verkehrstoten ist dort inzwischen so weit zurückgegangen, dass die Vision Zero als Ziel der Verkehrssicherheitsarbeit ausgerufen werden kann“, sagte Kerwien. Hier gebe es jedoch große Unterschiede zwischen motorisierten und ungeschützten Verkehrsteilnehmern. In den Industriestaaten wachse bei den älteren Verkehrsteilnehmern der Gefahrendruck. Der Rückgang bei den getöteten Autoinsassen sei zwischen 2000 und 2012 erheblich größer gewesen als bei den Radfahrern und Fußgängern. Positive Effekte verspräche die Erhöhung des Radfahreranteils am Gesamtverkehr, da hierdurch die Zahl der schweren Unfälle zurückgehe. Der Verkehr müsse homogener, Geschwindigkeitsunterschiede abgebaut werden. Hinzu komme die Verbesserung der Fehlertoleranz mit dem Ziel, Unfallfolgen zu minimieren. „Geschwindigkeitsmanagement und Verkehrstrennung geben Sicherheit“, lautete das Fazit von Kerwien.

Ingeborg Vorndran (Foto > GWM)
Ingeborg Vorndran (Foto > GWM)


Ingeborg Vorndran vom Statistischen Bundesamt berichtete über die Unfallentwicklung in Deutschland. Die Zahl der Fußgängerunfälle sei in den letzten zwanzig Jahren konstant zurückgegangen, die der Fahrradunfälle schwankten, was hauptsächlich witterungsbedingte Ursachen habe. Auch mache sich bemerkbar, dass heute Radfahren beliebter sei als in früheren Jahren. „Bei den Getöteten gibt es bei beiden Verkehrsteilnehmergruppen einen Abwärtstrend, bei den Fußgängern jedoch stärker als bei den Radfahrern“, erläuterte Vorndran. Während Radfahrer hauptsächlich in den Sommermonaten verunglückten, ereignete sich der Großteil der Fußgängerunfälle eher in den Wintermonaten. „Drei Viertel der Kollisionen zwischen Pkw und Radfahrern sowie zwischen Pkw und Fußgängern werden von den Pkw-Fahrern verursacht.“ Häufigste Fehlverhaltensweisen der Pkw-Fahrer seien die Vorfahrtmissachtung sowie Fehler beim Abbiegen und beim Einund Anfahren in den fließenden Verkehr. „Den Radfahrern wird am häufigsten falsche Straßenbenutzung vorgeworfen, außerdem die Missachtung von Vorfahrt und Vorrang sowie nicht angepasste Geschwindigkeit. Deutlich höher als bei anderen Verkehrsteilnehmern ist bei den Radfahrern der Anteil der Unfälle unter Alkoholeinfluss“, erklärte Vorndran. Das Hauptrisiko, bei Radfahrunfällen zu verunglücken, hätten die 15- bis 24-Jährigen, bei den Getöteten seien die über 65-Jährigen am stärksten betroffen. „Bei den Fußgängern liegtge das höchste Unfallrisiko bei den unter 15-Jährigen, der höchste Anteil der Getöteten zeigt sich auch hier bei den über 65-Jährigen.“ Daher sei es richtig, dass ältere Menschen durch Verkehrssicherheitsmaßnahmen stärker geschützt werden müssten.

Prof. Dietmar Sturzbecher (Foto > GWM)
Prof. Dietmar Sturzbecher
(Foto > GWM)


Über Chancen und Grenzen der Verkehrssicherheitsarbeit mit Kindern sprach Prof. Dietmar Sturzbecher von der Universität Potsdam. Kinder zählen zu den mobilsten Verkehrsteilnehmern. Sie nutzen den Verkehrsraum als Spiel-, Sport- und Kommunikationsraum. „Bei Unfällen, die von Kindern verursacht werden, liegen die Ursachen oft in ihren noch nicht ausreichenden psychischen und psychomotorischen Fähigkeiten“, sagte der Psychologe. Der Rückgang der Kinderunfälle mit Schwerverletzten, der in den letzten zehn Jahren zu verzeichnen gewesen sei, hänge auch damit zusammen, dass immer mehr Kinder im Auto der Eltern transportiert werden: „Wenn den Kindern die Wege abgenommen werden, fehlen ihnen Lernmöglichkeiten.“ Häufigstes Fehlverhalten bei zu Fuß gehenden Kindern sei das Überschreiten der Fahrbahn, ohne auf den Fahrzeugverkehr zu achten. Bei den Rad fahrenden Kindern hingegen seien häufige Unfallursachen die falsche Straßenbenutzung, Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren sowie die Missachtung der Vorfahrt. Bis ins Grundschulalter hinein sei noch nicht gewährleistet, dass Kinder alle Verkehrsgeräusche wahrnehmen, die visuelle Wahrnehmung sei ebenfalls eingeschränkt. „Kinder erleben den Verkehrsraum erst allmählich als Gefahrenzone, da sich ihr Gefahrenbewusstsein erst entwickeln muss“, betonte Sturzbecher. Erst gegen Ende der Grundschulzeit seien Kinder den Anforderungen des Verkehrs als Fußgänger gewachsen. Verkehrserziehung könne darauf Einfluss nehmen, wenn sie früh beginne und in die tägliche Bildungsarbeit integriert werde. Dazu müssten vier Voraussetzungen gewährleistet sein: die Qualität der Instruktion, die Orientierung an den Lernvoraussetzungen der Kinder, die Motivierung durch Anreize sowie das zeitliche Arrangement der Lernmöglichkeiten. Die Vorbildfunktion der Eltern sei ebenfalls wichtig, da Kinder regelwidriges Verhalten auch von Erwachsenen übernähmen. Nötig sei die aktive Zusammenarbeit von Kindergärten, Schulen, Ehrenamtlichen und Eltern.

Prof. Jürgen Gerlach (Foto > GWM)
Prof. Jürgen Gerlach (Foto > GWM)


Welchen Beitrag moderne Fahrzeugtechnik zur Vermeidung von Fußgängerunfällen leisten kann, erläuterte Prof. Andre Seeck von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Auf Basis von Vor-Ort-Unfallerhebungen, die 2008 bis 2010 durchgeführt wurden, charakterisierte er das Unfallgeschehen zwischen Fußgängern und Pkw folgendermaßen: „95 Prozent der Unfälle geschehen innerorts, auch wenn außerorts eine höhere Verletzungsschwere zu verzeichnen ist. 58 Prozent aller tödlich ausgegangenen Unfälle ereignen sich während der Dämmerung oder der Nacht.“ Ältere Menschen und Kinder seien besonders stark betroffen, Ältere erlitten häufiger tödliche Verletzungen. „Bei Älteren hilft es nichts, die Unfallschwere zu reduzieren, die Unfälle müssen vermieden werden“, betonte Seeck. Eine stärkere Verbreitung von Notbremssystemen könnte zum Schutz von Fußgängern beitragen. Seeck präsentierte die Möglichkeiten solcher Systeme, wies aber auch auf Probleme bei ihrer Auslegung hin. „Entscheidend ist unter anderem, wie schnell und sicher das System den Fußgänger im Gefahrenbereich erkennt. Wird der Sicherheitsbereich zu weit ausgelegt, bremst das Fahrzeug früh, aber auch häufiger unnötig. Legt man ihn eng aus, bleibt weniger Zeit für die Notbremsung“, erklärte der Fahrzeugtechnikexperte. Eine wichtige Rolle spiele die Fahrgeschwindigkeit: Bis 30 km/h könne der Unfall im Idealfall vollständig vermieden werden, bei Geschwindigkeiten darüber könne lediglich die Aufprallgeschwindigkeit reduziert werden.

Prof. Andre Seeck (Foto > GWM)
Prof. Andre Seeck
(Foto > GWM)


Neben der Fahrzeugtechnik spielt auch eine sichere Infrastruktur eine wichtige Rolle beim Schutz von Fußgängern und Radfahrern. Die derzeitigen Voraussetzungen der attraktiven und sicheren Fortbewegung mit dem Rad oder zu Fuß seien eher als „bescheiden“ zu bezeichnen, meinte Prof. Jürgen Gerlach von der Bergischen Universität Wuppertal. An den Stellen, an denen Kinder und Ältere verunglücken, verunglückten auch andere Verkehrsteilnehmer. Diesen Stellen müsste besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Gerlach ging auf den Transport von Schulkindern im elterlichen Pkw ein, der vor den Schulen häufig zu Problemen führe. Hol- und Bringzonen, die 250 bis 400 Meter von der Schule entfernt liegen, könnten hier eine Entlastung bringen. Sichere Mobilität in einem lebenswerten Umfeld müsse das Ziel der Verkehrsraumgestaltung sein. „Die Kommunen, die hier etwas tun, werden die Nase vorn haben“, sagte Gerlach. Auch zur Problematik der Radwege nahm Gerlach Stellung: Wenn ein Radweg nicht gut und sicher angelegt werden könne, dann sei das Fahren auf der Straße die bessere Lösung. Radfahrstreifen und Schutzstreifen führten zu guten Sichtbeziehungen zwischen Autound Radfahrern.

Prof. Reinhilde Stöppler (Foto > GWM)
Prof. Reinhilde Stöppler
(Foto > GWM)

„Von der Verkehrswelt behindert“ lautete der provokante Titel des Vortrags von Prof. Reinhilde Stöppler, Universität Gießen. Die 2009 in Kraft getretene Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen fordere die uneingeschränkte Teilnahme von Menschen mit Behinderungen an allen gesellschaftlichen Bereichen. In ihrem Vortrag stellte Stöppler einige typische Mobilitätsbehinderungen sowie Ansätze zur deren Beseitigung vor: „Bei Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit kann das ,Fuß-Rad-Prinzip‘ zu Verbesserungen führen. Die Ziele müssen sowohl zu Fuß als auch rollend erreichbar sein. Bei Sehschädigungen kann eine bessere Beleuchtung und Farbgestaltung helfen, aber auch das sogenannte ,Zwei-Sinne-System‘, also die Vermittlung der Informationen auf optischem und akustischem Wege.“ Dies greife auch bei Hörschädigungen, wenn Informationen zusätzlich tastbar vermittelt würden. Bei Verhaltensbeeinträchtigungen, zum Beispiel durch geistige Behinderungen, könnten Lösungen durch bessere Orientierungssysteme, verständliche Piktogramme und Fotos sowie durch die Benutzung der sogenannten „Leichten Sprache“ geschaffen werden. Auch im öffentlichen Nahverkehr gebe es zahlreiche Probleme für Menschen mit Behinderungen. Die Mitnahme von Fahrzeugen im ÖPNV durch stufen- und schwellenlose sowie neigungsarme Zugangsmöglichkeiten müsste erleichtert werden. Neben dem Abbau von Barrieren seien auch pädagogische Maßnahmen in Form von gezielter Mobilitätsförderung notwendig.

Prof. Carmen Hagemeister (Foto > GWM)
Prof. Carmen Hagemeister
(Foto > GWM)

Forschungsergebnisse beim Blick auf das Unfallrisiko älterer Radfahrer stellte Prof. Carmen Hagemeister, Technische Universität Dresden, vor. „Die Zahlen der offiziellen Unfallstatistik geben das Unfallgeschehen von Radfahrern nur unzureichend wieder. Es existiert eine hohe Dunkelziffer von verunglückten Radfahrern, die sich zwar im Krankenhaus oder beim niedergelassenen Arzt behandeln lassen, den Unfall aber nicht polizeilich melden“, stellte Hagemeister fest. Ältere Radfahrer müssten über die besonderen Risiken aufgeklärt werden, die häufig zu Unfällen führen. Risiko erhöhend sei es beispielsweise, als Radfahrer Wege mit schlechter Wegbeschaffenheit zu nutzen, bei Regen nicht angepasst zu fahren, bei Nebel nicht das Licht anzuschalten und beim Radfahren Dinge in der Hand zu halten. Zudem spiele auch die Einstellung der Radfahrer eine Rolle: „Wer bereit ist, beim Radfahren Regeln zu übertreten – etwa durch Nichtbeachtung von Einbahnstraßenregelungen, Stoppschildern und Ampeln –, hat häufiger Unfälle.“ Eine besondere Risikogruppe stellten die Personen dar, die aus gesundheitlichen Gründen mit dem Autofahren aufgehört haben. Einschränkungen der Sehund Hörfähigkeit trügen auch zur Erhöhung des Unfallrisikos älterer Radfahrer bei. Umso wichtiger sei es, Gegenmaßnahmen zu treffen: „Zum Beispiel durch Vermeidung von Fahrten bei Nacht oder schlechten Sichtverhältnissen oder die Wahl eines geeigneten Hörgeräts, das die beim Radfahren auftretenden Windgeräusche wirkungsvoll unterdrückt.“ Insbesondere bei Alleinunfällen lägen die Ursachen jedoch auch häufig bei Mängeln der Infrastruktur: schlechte Fahrbahnoberflächen, schwer erkennbare Hindernisse sowie Auswirkungen mangelhafter Straßenunterhaltung. Das System zur Meldung und Behebung solcher Mängel bei den Kommunen müsse besser entwickelt werden.

Ute Hammer (Foto > GWM)
Ute Hammer (Foto > GWM)

DVR-Geschäftsführerin Ute Hammer machte deutlich, dass die Vision Zero auch für den Schutz ungeschützter Verkehrsteilnehmer von Bedeutung sei. Sie ging auf die 14 TOP-Maßnahmen der Verkehrssicherheit ein, die der DVR als vordringlich einstuft, und hob die Maßnahmen hervor, durch die insbesondere der Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer verbessert werde. „Der Verstärkung der Überwachung kommt auch in dieser Hinsicht große Bedeutung zu“, unterstrich Hammer. Sie appellierte an die Länder, die Ressourcen zur Verkehrsüberwachung nicht weiter einzuschränken. Die Anpassung der Höchstgeschwindigkeiten auf Landstraßen sowie in Städten an die Gefährdungen sei ebenfalls eine Kernforderung, die dem Schutz der Schwächeren diene. „Dass es einen Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Verkehrssicherheit gibt, ist eine Binsenweisheit“, sagte Hammer. Sie bekräftigte die Forderung nach schnellstmöglicher Durchführung eines wissenschaftlich begleiteten Modellversuchs zur Umkehrung der Regelgeschwindigkeiten in der Stadt. Mit der weiteren Verbreitung von Fahrerassistenzsystemen könne auch die Sicherheit an Kreuzungen und Einmündungen verbessert werden. Die Entwicklung von Abbiegeassistenten für Lkw müsse mit hoher Priorität vorangetrieben werden. Wichtig sei auch die Verbesserung der Infrastruktur, zum Beispiel durch Einrichtung von Fußgängerüberwegen an den Zu- und Ausfahrten von innerörtlichen Kreisverkehren. Das Alkoholverbot am Steuer müsse durchgesetzt werden, hier sei die Gesellschaft weiter als die Politik.

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Titel Referent/-in Abstract Präsentation
Verlierer: Fußgänger, Radfahrer und ältere Menschen
Ergebnisse der neuesten Studien des Weltverkehrsforums zu ungeschützten Verkehrsteilnehmern
Antonie Kerwien
OECD, Berlin
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Unfallzahlen auf Rekordniveau – auch die Unfälle mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern?
Daten des Statistischen Bundesamtes
Ingeborg Vorndran
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden
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Kinder im Straßenverkehr
Chancen und Grenzen der Verkehrssicherheitsarbeit mit Kindern
Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher
Universität Potsdam
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Aktiver Fußgängerschutz
Notbremsassistenzsysteme zur Verhinderung von Fußgängerunfällen
Prof. Dr. Andre Seeck
Bundesanstalt für Straßenwesen, Bergisch Gladbach
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Schutz für die Ungeschützten
Infrastruktur innerorts für Fußgänger und Radfahrer
Prof. Dr. Jürgen Gerlach
Bergische Universität Wuppertal
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Von der Verkehrswelt behindert
Probleme und Perspektiven der Mobilität von Menschen mit Behinderungen
Prof. Dr. Reinhilde Stöppler
Universität Gießen
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Neue Mobilität – alte Gefahr?
Ältere Menschen als Fußgänger und Radfahrer
Prof. Dr. Carmen Hagemeister
Technische Universität Dresden
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Vision Zero gilt auch für ungeschützte Verkehrsteilnehmer
Programme, Maßnahmen und Empfehlungen des DVR
Ute Hammer
Deutscher Verkehrssicherheitsrat, Bonn
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