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Wildunfälle vermeiden – aber wie?

DVR-Förderpreis „Sicherheit im Straßenverkehr“

Berlin, 19. Mai 2017 – Der Förderpreis „Sicherheit im Straßenverkehr“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) für junge Wissenschaftler wurde heute in Berlin vergeben. Die Auszeichnung umfasst drei Preisträger und ist mit insgesamt 7.500 Euro dotiert.

Den ersten Preis erhielt Isabelle Seipt von der Hochschule der Sächsischen Polizei für ihre Diplomarbeit, in der sie Wildunfälle in den Jahren 2010 bis 2014 im Bereich des Polizeireviers Freiberg analysiert hat. Sie hat die polizeilich erfassten Wildunfälle ausgewertet, sogenannte „Hot Spots“ markiert und daraus präventive Maßnahmen abgeleitet. Parallel hat Seipt für den gleichen Zeitraum die Jagdstreckenlisten ausgewertet, in denen auch Angaben über im Straßenverkehr verletztes oder getötetes Wild zu finden sind. Dritte Quelle waren Interviews mit drei Förstern.

„In der Auswertung zeigte sich, dass der Anteil der Wildunfälle je nach Jahr zwischen zehn und 15 Prozent der Gesamtunfälle betrug, bei denen glücklicherweise kein Mensch zu Schaden kam. Der typische Wildunfall ereignet sich außerhalb von Ortschaften, dabei konnten auffällige regionale Häufungen erkannt werden“, erläuterte die Polizistin. Häufungen gab es auch hinsichtlich der Tageszeit und der Jahreszeiten: Die Zeiten zwischen 3 und 7 Uhr sowie zwischen 21 und 23 Uhr, der Herbst sowie der Monat Mai waren besonders stark betroffen.

Zur Verhinderung von Wildunfällen sieht die Autorin ein ganzes Maßnahmenbündel: Dazu zählen das Anlegen von Wildäsungsflächen (Äsung bezeichnet in der Jägersprache die Nahrung des Wildes, insbesondere von Rehen sowie Dam- und Rotwild) jenseits der Straßen sowie eine fachgemäße Bejagung. Als weitere Maßnahmen schlägt Seipt den Bau von Wildbrücken und Wilddurchlässen, bewuchsfreie Straßenränder und Wildzäune vor. Ferner hätten sich Wildwarnreflektoren (blaue Reflektoren, kombiniert mit einem akustischen Signal) bewährt. Eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 70 km/h würde die Zahl der Unfälle halbieren. Elektronische Wildwarnanlagen, die als Wechsellichtzeichen in Kombination mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung aufgestellt werden, könnten die Unfallhäufigkeit zudem deutlich reduzieren.

Schwere Unfälle bei Eis und Schnee

Über den zweiten Platz freute sich Juliane Martin von der Technischen Universität Dresden für ihre Diplomarbeit, in der sie den Einfluss kritischer Witterungsbedingungen (Schnee- und Eisglätte) auf das Verkehrsaufkommen, das Unfallgeschehen und das Verkehrsverhalten von Fußgängern und Radfahrern untersucht hat. Dazu wurden Daten zum Radfahraufkommen, die polizeiliche Unfallstatistik und das Witterungsgeschehen, der Räumzustand von Fußgänger- und Radwegen, Videobeobachtungen des Fußgänger- und Radverkehrs bei kritischen Witterungsverhältnissen an verschiedenen Standorten in Dresden ausgewertet. Zusätzlich wurden 270 Verkehrsteilnehmer hinsichtlich ihrer Einschätzung des Wegezustands und der eigenen Gefährdung befragt.
„Es zeigte sich, dass das Radfahraufkommen starken jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt – Eis und Schnee führen hier zu einer deutlichen Reduzierung. Auch die Zahl und die Schwere der Unfälle sind stark witterungsabhängig. Bei Eis und Schnee waren besonders bei den Radfahrern mehr schwere Unfälle zu verzeichnen. Die Räumung von Radwegen bei Schneefall war lückenhaft“, fasste Martin zentrale Untersuchungsergebnisse zusammen. Von den Befragten wurde angeben, die Verkehrsmittelwahl der Witterung anzupassen, zum Beispiel bei schlechtem Wetter vom Fahrrad auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Rund 37 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten Jahren bei kritischer Witterung gestürzt zu sein – meist mit geringen Folgen.
Aus den Ergebnissen wurden folgende Präventionsmaßnahmen abgeleitet: Verbesserte Räumung der Wege auch ohne Neuschnee, Anpassung der Räumbreite und-qualität, Einsatz von Kehrmaschinen auf Radwegen, ein winterdienstlich betreutes Radwegenetz in Anlehnung an Empfehlungen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Radfahrer an Kreuzungen besonders gefährdet

Der Radverkehr spielte auch in der Bachelorarbeit der dritten Preisträgerin, Lisa Kersten von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, eine zentrale Rolle. Sie hat gezielt die betriebliche Verkehrssicherheit von Radfahrern unter die Lupe genommen. Die Arbeit untersucht das besonders risikoträchtige Verkehrsverhalten von Radfahrern an Kreuzungen im betrieblichen Verkehr. Durch die Beobachtung der innerbetrieblichen Verkehrsknoten und der dortigen Verkehrsteilnehmer kann auch ohne die (seltenen) Unfallereignisse das dortige Risiko abgeschätzt werden. Von besonderem Interesse waren dabei die Routenwahl, die Art der Straßennutzung, beobachtbares Fehlverhalten und Verkehrskonflikte sowie damit verbundene situative, technische und personenspezifische Merkmale und die Höhe des Konfliktrisikos.
Die empirische Untersuchung fand auf dem stadtähnlichen Betriebsgelände eines Großunternehmens mit einem gut ausgebauten innerbetrieblichen Straßennetz mit zahlreichen Kreuzungen statt.
An zwei ausgewählten Kreuzungen mit „Rechts-vor-Links-Regelung“ wurde der gesamte Verkehr an verschiedenen Tageszeiten über achteinhalb Stunden lang aufgezeichnet, dabei 10.703 Verkehrsteilnehmer (davon 2.156 Radfahrer) registriert, und die Aufzeichnungen detailliert gemäß der Verkehrskonflikttechnik ausgewertet. Die Auswertungen wurden durch Interviews mit 31 Mitarbeitern des Betriebes, Beobachtungen vor Ort und die Verwendung von Karten und Fotos des Verkehrs ergänzt. Die Verkehrskonflikttechnik stellt kritische Manöver wie starke Geschwindigkeits- und Richtungsänderungen in den Fokus der Betrachtung. „Es wurde deutlich, dass die beobachteten Gefährdungsfaktoren des innerbetrieblichen Verkehrs denen des öffentlichen Verkehrs ähneln. Gute Sichtbeziehungen an Kreuzungen reduzieren das Risiko. Gleiches gilt für gut geplante Radwege, die von den Nutzern angenommen werden“, erklärte Kersten.
Wie auch im öffentlichen Verkehr zeigten die innerbetrieblichen Radfahrer Vorfahrtsverletzungen und Richtungswechsel ohne Handzeichen. Konflikte gab es auch zwischen abbiegenden Pkw und geradeaus fahrenden Radfahrern sowie zwischen dem Verkehr auf Straßen und Radfahrern, die vom Gehweg auf diese auffuhren. Durch die Ähnlichkeit der Risiken mit denen des öffentlichen Verkehrs sind die dafür geplanten Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auch dort möglich.

Die Jury für den Förderpreis „Sicherheit im Straßenverkehr“ setzte sich aus Professor Dr. Rüdiger Trimpop von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Dr. Torsten Kunz, Präventionsleiter der Unfallkasse Hessen, und Jochen Lau, Dipl.-Pädagoge, zusammen. Die Experten zeigten sich beeindruckt von den Leistungen des wissenschaftlichen Nachwuchses und sehen in den prämierten Arbeiten „großes Potenzial, die Verkehrssicherheit zu erhöhen“.