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Sicher unterwegs in Stadt und Dorf

DVR-Kolloquium über kommunale Verkehrssicherheitsarbeit

Bonn, 13. Dezember 2017 (DVR) – Die Bandbreite kommunaler Verkehrssicherheitsarbeit umfasst zahlreiche Maßnahmen, vor allem im Bereich der Infrastruktur. Trotz aller bisherigen Bemühungen und Erfolge gibt es weiteres Verbesserungspotenzial. Allein in unseren Städten und Dörfern sind im vergangenen Jahr 211.686 Unfälle mit Personenschaden verursacht worden. Das sind mehr als zwei Drittel aller Unfälle auf unseren Straßen, bei denen Menschen zu Schaden gekommen sind. 960 Personen sind dabei ums Leben gekommen, 35.482 wurden schwer verletzt. Was muss also unternommen werden, damit wir sicherer unterwegs sind? Welche Rolle spielen die Kommunen in der Verkehrssicherheitsarbeit? Wie sehen gute und sichere Straßen in Stadt und Dorf aus? Wie gestalten wir den urbanen Raum der Zukunft? Diesen und weiteren Fragen widmete sich das Kolloquium „Sicher unterwegs in Stadt und Dorf – erfolgreiche kommunale Verkehrssicherheitsarbeit“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) am 6. Dezember 2017 in Bonn.

Unterstützt wurde die Veranstaltung von DEKRA, vertreten durch Oliver Deiters, Geschäftsführer der DEKRA-Vertretung bei der EU, und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Ideelle Partner waren der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB), der Deutsche Städtetag und der Deutsche Landkreistag.

Für die Moderation des Kolloquiums konnte mit Jürgen Follmann, seit 2001 Professor für Verkehrstechnik, Verkehrssicherheit und Geografische Informationssysteme im Fachbereich Bauingenieurwesen der Hochschule Darmstadt, ein ausgewiesener Experte gewonnen werden.

Verbesserungspotenzial ausschöpfen

DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf unterstrich bei der Begrüßung der rund 100 Gäste das „Verbesserungspotenzial an vielen Stellen, das es auszuschöpfen gilt“. Er erwähnte die Regelwerke, die klare Vorgaben machen, wie Straßen dimensioniert sein müssen. Aber die praktische Umsetzung erfordere, die spezifischen Gegebenheiten vor Ort zu berücksichtigen. „Wenn es um die Planung sicherer Straßen und Plätze geht, werden Kompromisse eingegangen und Anpassungen vorgenommen. Da ist nicht nur die Kompetenz, sondern auch die Kreativität der Fachleute gefragt“, sagte Dr. Eichendorf. Im Vordergrund müssten Bemühungen stehen, die sogenannten „schwächeren“ Verkehrsteilnehmergruppen, Fußgängerinnen und Fußgänger, Radfahrerinnen und Radfahrer, Kinder und ältere Menschen, besser zu schützen. Dies werde momentan noch zu wenig berücksichtigt. „Die Stadtplaner wissen das. Aber früher sind Straßen vorrangig mit Blick auf den Autoverkehr gestaltet worden und hier zu einer Ausgewogenheit zwischen allen Verkehrsteilnahmearten zu kommen, ist im Bestand nicht immer leicht. Wir brauchen mehr Entschlossenheit, dies umzusetzen“, forderte der DVR-Präsident.

Neben Investitionen in eine sichere Infrastruktur komme es auch auf das menschliche Verhalten an. „In diesem Zusammenhang ist nicht angepasste Geschwindigkeit ein Kernthema und daraus resultierend die Verkehrsüberwachung. Der DVR hält die gezielte Überwachung für ein wesentliches Element erfolgreicher Verkehrssicherheitsarbeit. Es ist notwendig, dass Bund, Länder, Gemeinden und die in der Verkehrssicherheitsarbeit aktiven Verbände Maßnahmen treffen, die die Akzeptanz für die Einhaltung von Verkehrsregeln sowie die Verkehrsüberwachung erhöhen“, forderte Dr. Eichendorf. Insbesondere Fahrten mit überhöhter Geschwindigkeit seien schwere Regelverstöße, die häufig Verkehrsunfälle nach sich ziehen, die schwerste Folgen für die Gesundheit und das Leben von Menschen haben können. „Generell muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um klar zu machen, dass Geschwindigkeitsübertretungen keine Kavaliersdelikte sind und Überwachung keine Abzocke“, stellte er fest. Es sei eine sehr gute Idee, die von verschiedenen Kommunen bereits umgesetzt werde, die Einnahmen aus der Verkehrsüberwachung vollständig in die Präventionsarbeit zu investieren. Damit könne die Akzeptanz für Überwachungsmaßnahmen deutlich erhöht werden.

Förderung des Radverkehrs

Auch Timm Fuchs vom DStGB sprach sich klar dafür aus, den Radverkehr zu fördern und den Autoverkehr zurückzudrängen, auch wenn sich der DStGB noch nicht dazu durchgerungen habe, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts zu fordern. Dennoch sagte auch er: „Autostadt war gestern, die Stadt der Zukunft ist eine ‚Fahrrad-City‘.“ Er sei ein Verfechter der grünen Welle für den Radverkehr sowie des grünen Rechtsabbiegerpfeils für Radfahrerinnen und Radfahrer. Darüber hinaus komme es auf gute Sichtbeziehungen an Kreuzungen und Einmündungen an. Und last but not least sei Verkehrsüberwachung ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer verbesserten Verkehrssicherheit. „Kontrollen gewährleisten Schutz, sichern Mobilitätsrechte, vermitteln Glaubwürdigkeit und geben Orientierung“, sagte Fuchs. „Die verkehrssichere Stadt ist die, in der Menschen von null bis 99 Jahren selbstständig gefahrlos mobil sein können“, fasste der Beigeordnete zusammen.

Gute Straßen in Stadt und Dorf

Beispiele für gute Straßen in Stadt und Dorf präsentierte Professor Karl Heinz Schäfer von der Technischen Hochschule Köln. Er hat im Auftrag des DVR die ersten sieben Beispiele dokumentiert, die zeigen, wie ein ernsthaftes Bemühen um Funktion, Gestaltung und Sicherheit zu einer Verbesserung der Unfallbilanz führen kann. Unter www.dvr.de/publikationen/gute-strassen/beispielsammlung.html können die Praxisfälle, von Köln bis Cottbus und von Stralsund bis Schwetzingen, eingesehen und kostenlos als PDF heruntergeladen werden. „Alle positiven Beispiele werden ausführlich in Wort und Bild dargestellt und zeigen detailliert die dahinterliegenden Überlegungen und Planungen sowie die Ergebnisse der umgesetzten Maßnahmen. Auch die Entwicklung im Unfallgeschehen wird dokumentiert und aktualisiert“, erläuterte der Bauingenieur und Verkehrsplaner. Die Dokumentation soll in den kommenden Jahren erweitert und auch auf andere Straßentypen und Verkehrswege, etwa Ortsdurchfahrten, ausgedehnt werden.

Kolpingstadt Kerpen

Ein besonders positives Beispiel außerhalb der DVR-Sammlung ist die Kolpingstadt Kerpen, die 2016 mit dem Vision Zero Award von DEKRA ausgezeichnet wurde. Gewürdigt wurde, dass in Kerpen sechs Jahre in Folge kein einziger Verkehrstoter zu beklagen war. Guido Ensemeier, Abteilungsleiter Verkehrsplanung, stellte die beeindruckenden Maßnahmen der Stadt Kerpen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit vor. „Hierzu zählen unter anderem die planfreie Querung einer Kreisstraße für den Radverkehr, die Umgestaltung von Straßen, zum Beispiel mittels nachgerüsteter Fahrbahnkissen zur Geschwindigkeitsreduzierung, und die Einrichtung eines Kreisverkehrs“, erklärte der Planungsexperte.
Darüber hinaus sei am 5. Juli 2017 ein sogenannter Bike-to-school-Day eingeführt worden. Rund 2.400 Schülerinnen und Schüler einer Gesamtschule waren aufgerufen, mit dem Rad zur Schule zu fahren.
Als ein Beispiel für die erfolgreiche Arbeit der Kinderunfallkommission präsentierte er das Projekt „Kinderzebrastreifen“. „Zunächst wurde unter dem Motto ‚die Gedanken sind frei‘ mit den Kindern besprochen, wie eine sichere Querung aussehen sollte. Anschließend wurden Modelle gebaut und eigene Verkehrsschilder gemalt, bevor es in die Praxis und an die sichere Umgestaltung einer Kreuzung ging“, beschrieb Ensemeier den Prozess. „Bunt statt grau“ lautete die Devise, als die Kinder Farbe auf die Straße brachten. Und auch die Schilder wurden zusätzlich zur vorgeschriebenen Beschilderung angebracht. Wichtiges Ergebnis des „Kinderzebrastreifens“ in Kerpen: Die Geschwindigkeit konnte an dieser Stelle nachhaltig reduziert werden.

Design Thinking als neuer Weg

Um das Lernen am Modell geht es auch beim Design Thinking, einem neuen Weg in der Verkehrssicherheitsarbeit, den Professor André Bresges, Geschäftsführender Direktor am Institut für Physikdidaktik an der Universität zu Köln, vorstellte: „Wenn ich an einem Modell, einem Prototyp, arbeite, habe ich jederzeit die Möglichkeit, Veränderungen im Verkehrsablauf vorzunehmen. Mit einem Modell einer Kreuzung kann jeder zwei Schritte nach vorne machen, kann sich ein Stück Knetmasse nehmen und einen Zahnstocher und da eine Ampel hinstellen, wo vorher keine war. Kann auf einen Zettel ein Kopfsteinpflaster malen oder mit einem Pfeifenreiniger eine Brücke bauen, die die Fußgängerströme über den Platz hinwegleitet.“
Neben baulichen Maßnahmen sei es aber auch wichtig, zu wissen, wie der Mensch Informationen aufnimmt und verarbeitet. In diesem Zusammenhang spiele das Wechselspiel zwischen Tiefenperson und Ichperson eine wichtige Rolle. „Die Tiefenperson ist stark von Emotionen beeinflusst und wird vom sogenannten Reptilienkomplex im Gehirn gesteuert, und ist nicht für rationale Argumente erreichbar“, sagte der Physiker. Deshalb sei Verkehrsüberwachung so notwendig, denn die negative Auswirkung eines geahndeten Geschwindigkeitsverstoßes zum Beispiel käme selbst bei der Tiefenperson an.

Entscheider überzeugen

Im Fokus des Podiumsgespräches standen die Schnittstellen zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Verbänden und die zentrale Frage, wie die Zusammenarbeit auf den verschiedenen Ebenen verbessert werden kann.

Der ehemalige Bundesverkehrsminister Professor Kurt Bodewig, Präsident der Deutschen Verkehrswacht und DVR-Vizepräsident, erwähnte das ehrenamtliche Engagement der Verkehrswachten und die gute Mitarbeit in den Unfallkommissionen vor Ort. Diese seien ein gutes Instrument, um Unfallschwerpunkte zu entschärfen. Unterstützt wurde er von Jürgen Menge vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz, der sich allerdings klar dafür aussprach, die Unfallkommissionen ausreichend mit Geld auszustatten. In diesem Zusammenhang wies Christian Weibrecht, Unterabteilungsleiter im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, darauf hin, dass die Einrichtung von Unfallkommissionen eine gesetzliche Verpflichtung sei.
Darüber hinaus kritisierte Menge, dass die Rahmenvorgaben in den bekannten Regelwerken nicht in Gänze in die Praxis umgesetzt würden.
Für eine höhere Flexibilität in der Neuaufteilung des Verkehrsraums sprach sich Thomas Kiel vom Deutschen Städtetag aus.
Mit Blick auf die Investitionsmittel, die der Bund den Ländern und Kommunen zur Verfügung stellt, meinte Weibrecht: „Die Mittel stehen zur Verfügung, sie müssen nur angefordert werden.“ Timm Fuchs vom DStGB plädierte dafür, das „Schwarzer Peter-Spiel“ zu beenden: „Eine gegenseitige Schuldzuweisung hilft uns in der Verkehrssicherheitsarbeit nicht weiter.“ Er verwies auf positive Paradebeispiele wie das in Kerpen. Am Ende käme es darauf an, die Entscheider in den Kommunen von guten Konzepten und Planungen zu überzeugen.

Download:

pdf Vortrag Guido Ensemeier: Die Kolpingstadt Kerpen und der Vision Zero Award

pdf Vortrag Prof. Karl Heinz Schäfer: Gute Straßen in Stadt und Dorf