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„Um ein sicheres Gespür für ihre Grenzen zu entwickeln, müssen Motorradfahrer üben!“

Leser-Telefon-Aktion rund um das sichere Motorradfahren

Bonn, 26. März 2009 (DVR) - Kaum eine andere Verkehrsteilnehmergruppe ist so großen Risiken ausgesetzt wie die Motorradfahrer. Jährlich verunglücken etwa 35.000 von ihnen auf deutschen Straßen. Dennoch ist die Faszination für das Fahren auf zwei Rädern ungebrochen. Für einen guten Start in die Motorradsaison 2009 informierten die Experten unserer Telefonaktion die Leserinnen und Leser darüber, was sie alles für die eigene Sicherheit beim Motorradfahren tun können: von der richtigen Schutzkleidung über eine sichere Fahrweise bis zu den Fahrsicherheitstrainings des Deutschen Verkehrs­sicherheits­rates e.V. (DVR). An dieser Stelle die wichtigsten Fragen und die Antworten der Experten:

Muss ich wirklich spezielle Motorradbekleidung kaufen oder reicht auch robuste Outdoor-Kleidung aus?

Matthias Haasper, Forschungsleiter des Instituts für Zweiradsicherheit e.V. (ifz): Ja, Sie sollten auf jeden Fall spezielle Schutzkleidung für Motorradfahrer tragen. Neben dem Helm sollte diese aus einer Kombi, je nach Vorliebe und Einsatzzweck können Sie hier zwischen Leder- und Textilbekleidung wählen, Motorradhandschuhen und -stiefeln sowie einem Nierengurt und gegebenenfalls einem Rückenprotektor bestehen. Das konsequente Tragen von Schutzkleidung verringert das Risiko schwerer Verletzungen, wie offener Brüche oder ausgeprägter Weichteilverletzungen. Einfache Outdoor-Kleidung kann das nicht leisten! Auch Moped oder Rollerfahrer sollten für ausreichenden Schutz durch die richtige Bekleidung sorgen.

Weder Helm noch Rückenprotektor schützen die Halswirbelsäule. Gibt es auch einen Schutz für den Halsbereich?

M. Haasper: Ja, es gibt heute von verschiedenen Herstellern einen Schutz für die Halswirbelsäule, eine Art Halskrause. Sie soll bei einem Unfall einer Überstreckung der Halswirbelsäule entgegenwirken.

Wie kann ich durch mein eigenes Fahrverhalten das Unfallrisiko senken?

Dr. Hartmut Kerwien, Referent und Gutachter des Deutschen Verkehrssicherheitsrates e.V. (DVR): Indem Sie mit angepasster Geschwindigkeit fahren, riskante Überholmanöver meiden und nach jeder Winterpause nach Möglichkeit ein Fahrsicherheitstraining besuchen, um ihre Fahrpraxis wieder aufzufrischen. Denn überhöhte Geschwindigkeit, Überholfehler und mangelnde Übung sind auf Seiten der Motorradfahrer die Hauptunfallursachen! Außerdem sollten Sie mit Fehlern anderer Verkehrsteilnehmer rechnen und vorausschauend fahren. Auf der Internetseite der Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas!“ des DVR und des Bundesverkehrsministeriums (www.runter-vom-gas.de) finden auch Motorradfahrer viele Tipps für eine sichere Fahrweise.

Wo kann ich mich über ein qualifiziertes Sicherheitstraining in meiner Nähe informieren?

Dr. Kerwien: Auf der Internetseite des Deutschen Verkehrssicherheitrates e.V. (DVR), unter www.dvr.de/sht, können Sie mit Hilfe der Postleitzahlen-Suche nach Trainingsplätzen und Anbietern in Ihrer Nähe suchen. In der Datenbank finden Sie nur Anbieter, die ihre Sicherheitstrainings gemäß den Richtlinien des DVR durchführen. Hier lernen Motorradfahrer, ihr Fahrzeug besser zu beherrschen, Gefahrensituationen zu erkennen und zu vermeiden und erfahren alles Wichtige zu Motorradtechnik und der richtigen Schutzkleidung. Auf der Internetseite des Instituts für Zweiradsicherheit e.V., www.ifz.de, finden Sie eine Trainingsbroschüre mit knapp 2700 Terminen für Sicherheitstrainings im gesamten Bundesgebiet.

Ist eine Kostenübernahme für das Sicherheitstraining durch die Berufsgenossenschaft möglich?

Dr.-Ing. Achim Kuschefski, Leiter des ifz: Die Berufsgenossenschaften, das sind gemeinsam mit den Unfallkassen die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, fördern in der Regel die Teilnahme an einem Sicherheitstraining mit 50 Euro und mehr. Rufen Sie einfach bei Ihrer Berufsgenossenschaft an und fragen Sie nach einer möglichen Förderung.

Welche Verkehrssituationen sind für Motorradfahrer besonders gefährlich?

Dr.-Ing. Kuschefski: Wir beim Institut für Zweiradsicherheit haben herausgefunden, dass vor allem die Begegnung mit Linksabbiegern oder wendenden Fahrzeugen Motorradfahrern zum Verhängnis werden kann. Die Autofahrer übersehen die Biker häufig oder schätzen ihre Geschwindigkeit falsch ein. In über 70 Prozent der Unfälle zwischen einem Pkw und einem Motorrad, trägt der Autofahrer die Schuld an dem Zusammenstoß!

Wie mache ich ein an der Kreuzung wartendes Auto am besten auf mich aufmerksam, damit ich nicht übersehen werde?

Rolf „Hilton“ Frieling, Vorsitzender der Biker Union e.V.: Indem Sie „auffällig“ fahren, das heißt Kopf und Körper bewegen und geringfügig die Fahrspur ändern. Wenn Sie nicht sicher sind, ob der Pkw-Fahrer sie bemerkt hat, sollten Sie Ihre Geschwindigkeit reduzieren, bremsbereit sein und den Augenkontakt suchen. Ein Warnsignal mit der Lichthupe kann vom Autofahrer missverstanden werden: als Aufforderung zum Weiterfahren!

Was ist in der Kurve wichtig?

Dr. Kerwien: Jeder sicherheitsbewusste Motorradfahrer muss schräg fahren können! Um ein sicheres Gespür für die fahrphysikalischen Grenzen zu bekommen, um zu lernen, wie Sie eine Kurve richtig anfahren, die Fahrlinie halten und wieder aus der Kurve heraus fahren, müssen Sie üben. Viele Motorradfahrer haben in dieser Situation eine falsche Selbsteinschätzung und das kann gefährlich werden. Die Grundlagen des Kurvenfahrens lernen Sie in Sicherheitstrainings, vertiefen können Sie Ihre Fertigkeiten am besten bei Trainings im Realverkehr oder - für eher sportlich motivierte Fahrer - bei Sicherheitstrainings auf einer Rennstrecke.

Kann man in der Kurve bremsen?

Dr.-Ing. Kuschefski: Besser als viele Motorradfahrer glauben. Sie müssen allerdings bedenken: Je schräger Sie fahren, desto weniger Bremsleistung können Sie übertragen. Aber auch in der Kurve ist es die Vorderradbremse, mit der man die meiste Bremskraft übertragen kann.

Wir möchten als Gruppe mit dem Motorrad verreisen. Was sollten wir beachten?

R. Frieling: Zuerst einmal sollte die Gruppe nicht zu groß sein. Der Fahrer an der Spitze, der Roadcaptain, sollte erfahren sein. Direkt nach ihm folgen die schwächeren Fahrer der Gruppe, sowohl was die Erfahrung als auch was die Maschinenleistung anbelangt. Alle fahren in zwei Reihen versetzt, der Roadcaptain in der Mitte der Fahrbahn. Er muss immer den Überblick über die gesamte Gruppe behalten, insbesondere bei Beschleunigungsvorgängen und sollte sich am letzten Fahrer der Gruppe orientieren. Innerhalb der Gruppe darf nicht überholt werden. Machen Sie rechtzeitig Pausen. Und am wichtigsten: Bewahren Sie stets Ruhe!

Darf ich einem verletzten und bewusstlosen Motorradfahrer den Helm abnehmen, um Erste Hilfe zu leisten?

M. Haasper: Ja, Sie sollten einem bewusstlosen Motorradfahrer immer den Helm abnehmen. Die Erstickungsgefahr ist viel größer als das Risiko, die Halswirbelsäule zu verletzen. Außerdem können Sie keine weiterführenden Rettungsmaßnahmen durchführen, solange der Fahrer noch den Helm auf dem Kopf hat.