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Was hilft gegen den „Silent Killer“?

DVR-Kolloquium zur Unfallursache Ablenkung

Bonn, 9. Dezember 2015 – Ablenkung als Ursache von Unfällen ist in den letzten Jahren in den Fokus der Unfallforschung gerückt. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland mindestens jeder zehnte Unfall durch Ablenkung verursacht wird. Aber wie kann Ablenkung als Unfallursache wirksam bekämpft werden? Beim DVR-Kolloquium „Ablenkung im Straßenverkehr – Probleme und Lösungen“ am 7. Dezember 2015 in Bonn wurden mögliche Maßnahmen gegen die Unfallursache Ablenkung erörtert. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom ADAC und von DEKRA.

DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf begrüßte die rund 150 Gäste und wies darauf hin, dass der DVR das Thema Ablenkung bereits sehr früh aufgegriffen und permanent im Blick behalten habe. 2013 hatte der DVR das Thema gemeinsam mit den Unfallkassen und Berufsgenossenschaften mit einer Schwerpunktaktion für Betriebe und Ausbildungsstätten aufgegriffen. Im Rahmen der Kampagne „Runter vom Gas“ wurde Ablenkung in diesem Jahr vom DVR und dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit einer Innerortsplakatierung sowie einem umfangreichen Maßnahmenpaket gemeinsam mit den Bundesländern ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

Als Neuerung beim DVR-Kolloquium konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Anmeldung an einer Befragung beteiligen. Moderatorin Steffi Neu stellte die Ergebnisse dieser Befragung vor: Als gefährlichste Ablenkungsfaktoren im Straßenverkehr wurden von den Teilnehmern das Lesen und Schreiben von Textnachrichten, Internetdienste nutzen und Telefonieren genannt.

Unfallrisiko durch Textnachrichten

Professor Mark Vollrath von der Technischen Universität in Braunschweig geht davon aus, dass Ablenkung durch Informations- und Kommunikationssysteme künftig vermutlich weiter zunehmen werde. Besonderes Augenmerk verdiene das Lesen und Schreiben von Textnachrichten sowie die Nutzung von Internetdiensten während der Verkehrsteilnahme. „Einer Studie aus den USA zufolge erhöht das Schreiben und Lesen von Textbotschaften das Unfallrisiko auf das 164-Fache“, erläuterte der Wissenschaftler. Beim Telefonieren während der Fahrt sei die Auswirkung der Ablenkung mit einer Alkoholisierung von 0,8 Promille vergleichbar, beim Schreiben von SMS mit den Auswirkungen von 1,1 Promille.

„Wir brauchen mehr Daten“, beschrieb er das Dilemma fehlender valider Zahlen zur Unfallursache Ablenkung. Zudem sei das Gefahrenbewusstsein der Verkehrsteilnehmer für die Gefährlichkeit der Blickabwendung zu gering. „Die von den Fahrern praktizierte Kompensation, etwa durch niedrigere Geschwindigkeit und größeren Abstand, reicht bei Textnachrichten nicht aus“, stellte Vollrath klar.

Risikooptimierung ist notwendig

Auto fahren sei zu 90 Prozent automatisierte Routine, da sei jede Ablenkung für den Fahrer eine erwünschte Abwechslung, sagte Professor Rüdiger Trimpop von der Universität Jena. „Der Risikobegriff muss neu verstanden werden: nämlich als die berechenbare Wahrscheinlichkeit eines ungewissen Ausgangs“, führte der Psychologe aus. Das Ziel der Risikominimierung sei „weltfremder Unsinn“. Stattdessen müsse eine Risikooptimierung angestrebt werden. Voraussetzung dafür sei es, die Gefahren und die Chancen einer Verhaltensweise, die eigene Kompetenz sowie die Umweltsituation richtig einschätzen zu können. Die Verbreitung teil- und vollautomatisierter Fahrzeuge könne zu weniger Unfällen führen. „Man weiß jedoch noch nicht, ob dadurch andere Probleme entstehen. Die Wechselwirkungen zwischen Fahrzeug, Technik, Ablenkung und Überforderung müssen dringend intensiver erforscht werden“, forderte Trimpop.

Ulrich Chiellino vom ADAC stellte die Ergebnisse einer gemeinsamen Studie des ADAC und des Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Clubs (ÖAMTC) vor. Hierbei ging es um die Auswirkungen verschiedener Arten der Ablenkung beim Bewältigen konkreter Fahraufgaben. Dazu wurden praktische Fahrversuche durchgeführt. Bei der vorher vorgenommenen Selbsteinschätzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer überschätzten die meisten ihre Fähigkeiten, wobei sich Frauen zumeist realistischer beurteilten als Männer. Bei der tatsächlichen Kompetenz beziehungsweise der Fehlerhäufigkeit unter ablenkenden Einflussfaktoren habe es kaum einen Unterschied gegeben. Auch in der rückblickenden Einschätzung, inwieweit die Situationen gemeistert worden seien, habe es viele Fehleinschätzungen gegeben.

Ablenkung keine eigene Unfallkategorie

Auf ein zentrales Problem bei der Unfallursache Ablenkung wies Professor Dieter Müller von der Hochschule der Sächsischen Polizei hin: „Bislang wird Ablenkung als Unfallursache bei der Unfallaufnahme nicht erfasst.“ Außerdem existierten im deutschen Verkehrsrecht keine auf das Fehlverhalten der Ablenkung zugeschnittenen Rechtsvorschriften. Die einzig konkrete Vorschrift in Paragraf 23 Absatz 1a der Straßenverkehrsordnung (StVO), die sich auf das Telefonieren mit Mobiltelefonen beziehe, lasse bereits durch ihre Formulierung erkennen, dass sie „aus vorsintflutlichen verkehrsrechtlichen Zeiten“ stamme und dringend geändert werden müsse.

Zudem sei der Begriff der Ablenkung im deutschen Verkehrsrecht normativ nicht speziell geregelt. Wie Spezialregelungen aussehen könnten, sei fraglich und bedürfe einer weiteren Analyse, Erprobung und Evaluation. „Als kurzfristig zu realisierende vorläufige Maßnahme zur Verbesserung der Situation könnten mögliche Verstöße gegen den Paragrafen 1 StVO durch eine entsprechende Gesetzesänderung als Ordnungswidrigkeit bewertet werden, wobei die möglichen Verstöße und die jeweilige Bußgeldbewehrung weiter differenziert werden müssten“, schlug Müller vor. Laut Paragraf 1 der StVO erfordert die Teilnahme am Straßenverkehr ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Automatisierung bringt Sicherheitsvorteile

Professor Klaus Kompaß von der BMW Group betonte, das Entwicklungsziel der Hersteller bei der Auslegung von Fahrerassistenzsystemen sei die Balance zwischen Sicherheit, Kundennutzen und Komfort. Bei der Gegenüberstellung von Fahrer- und Technikleistung werde deutlich, dass Stärken und Schwächen bei beiden unterschiedlich verteilt seien. „Der Mensch antizipiert die Vorhaben anderer und reagiert flexibel, die Technik reagiert entsprechend vorgegebener Szenarien“, sagte der Experte. Optimale Assistenzsysteme müssten beides ausbalancieren.

In hohem Reifegrad und in starker Verbreitung in der Fahrzeugpopulation bringe Automatisierung zusätzliche Sicherheitsvorteile.

Ablenkung in der Fahrausbildung

Dr. Gregor Bartl (alles-führerschein.at) berichtete über Erkenntnisse und Erfahrungen, die im Nachbarland Österreich zum Thema Ablenkung gewonnen wurden. Fahranfänger, die neun Monate nach der Prüfung befragt wurden, gaben zu Protokoll, dass bereits 6,1 Prozent einen Unfall durch Ablenkung verursacht hätten. Nahezu 20 Prozent hätten einen Beinaheunfall durch Ablenkung erlebt.

„Sicher fahren zu lernen bedeutet, die Funktionsweise unseres Gehirns zu verstehen“, erklärte der Psychologe. „Wir können Dinge gleichzeitig tun, aber wir können es nicht gleich gut“. Er stellte Aufgaben vor, mit denen in spielerischer Form Grenzen der eigenen Aufmerksamkeitsleistung erfahren werden können. Dabei könne die Multitasking-Illusion kritisch beleuchtet werden und die Teilnehmer könnten das Phänomen der Aufmerksamkeitsblindheit erkennen.

Als dringend notwendige Maßnahmen nannte Bartl die standardisierte Erfassung der Unfallursache Ablenkung in der EU, die Aufnahme einer standardisierten Ablenkungsaufgabe in Fahrprüfung und Fahrausbildung sowie die Berücksichtigung des Themas in der Berufsfahrerweiterbildung.

Diese Auffassung vertrat auch Kay Schulte vom DVR: „Fahrerinnen und Fahrern muss die Möglichkeit offeriert werden, praktische Erfahrungen mit Ablenkung bei der Erledigung von Fahraufgaben zu sammeln.“ Dies müsse in didaktisch strukturierten Szenarien erfolgen. Der DVR habe bereits zahlreiche Maßnahmen initiiert, bei denen insbesondere junge Verkehrsteilnehmer dazu motiviert worden seien, sich kreativ und reflektierend mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Ansätze zur Problembehandlung

In der abschließenden Diskussion kam zur Sprache, dass sich der Föderalismus als Hindernis bei der Aktualisierung der Richtlinien zur Unfallaufnahme erweise. Jacqueline Lacroix vom DVR wies darauf hin, dass es bereits eine länderübergreifende Arbeitsgruppe zur Aktualisierung des Unfallursachenverzeichnisses gegeben habe, deren Ergebnisse vorlägen. Es fehle jedoch an Entscheidungen.

Angesprochen wurde auch, unter welchen Bedingungen Mobiltelefone nach einem Unfall zur Beweisaufnahme sichergestellt werden könnten. Hier seien bundesweite Regelungen sowie Richtlinien für die Ausbildung von Polizeibeamten nötig.

In seinem Schlusswort bezeichnete es DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf als „Armutszeugnis“, dass die Unfallursache Ablenkung in Deutschland derzeit statistisch nicht erfasst werde. Der DVR werde sich in Gesprächen mit Bund und Ländern für eine Verbesserung der Situation einsetzen.

Außerdem müssten die gesetzlichen Vorschriften für die Nutzung von Mobiltelefonen bei der Verkehrsteilnahme dringend aktualisiert werden, wobei die neue Regelung nicht nur für Fahrzeugführer, sondern auch für Fußgänger gelten müsse.

„Der Vorschlag, den Paragrafen 1 der StVO mit einer Bußgeldbewehrung zu versehen, ist aus meiner Sicht vielversprechend“, sagte der DVR-Präsident. Das Thema Ablenkung müsse Bestandteil der Fahrausbildung und der Fahrerlaubnisprüfung werden. Außerdem sei ein Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit ähnlich wie beim Alkohol notwendig: Das Smartphone im Straßenverkehr müsse geächtet werden.

Download:

pdf Umfrageergebnisse „Ablenkung im Straßenverkehr“

docx Umfrageergebnisse „Wie kann die Unfallursache ‚Ablenkung’ in Deutschland am wirkungsvollsten bekämpft werden?“

pdf Präsentation Dr. Gregor Bartl – Verkehrsunfall-Ursache Nummer Eins: Ablenkung

pdf Präsentation Ulrich Chiellino – Auswirkung von Ablenkung. Eine unterschätzte Gefahr?

pdf Präsentation Prof. Klaus Kompaß – Fahrerassistenz und Automatisierung

pdf Präsentation Prof. Dr. jur. Dieter Müller – Ablenkung im Straßenverkehr

pdf Präsentation Prof. Rüdiger Trimpop – Risikobereitschaft: Ablenkung und weitere Verhaltenseffekte

pdf Präsentation Kay Schulte – Ablenkung – Was kann das sein?

pdf Präsentation Prof. Dr. Vollrath – Wovon lassen sich Menschen im Straßenverkehr ablenken?