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Interview

 

„Das Verkehrssystem darf nicht auf Kosten von Menschenleben entwickelt werden“

Die Direktorin der Abteilung für Nachhaltigkeit und Verkehrssicherheit im schwedischen Verkehrsministerium Prof. habil. Dr. Maria Krafft über die Entwicklung der Vision Zero, die zunehmende Digitalisierung und die Herausforderungen für die Zukunft

DVR-report: Frau Dr. Krafft, sobald es um die Vision Zero geht, gilt Schweden bei allen Fachleuten in der Verkehrssicherheitsarbeit als die Nummer Eins unter den Ländern. Welche Akteure haben dazu beigetragen, dass Vision Zero ein so wichtiges Thema auf der politischen Agenda geworden ist?
Krafft: Es war ein Zusammenwirken zwischen den zuständigen Stellen, die visionäre Idee für einen neuen Ansatz in der Verkehrssicherheit zu verfolgen, und dem damaligen Minister für Infrastruktur, dem bewusst war, wie wichtig es ist, Getötete und Verletzte im Straßenverkehr nicht als gegeben hinzunehmen.

DVR-report: Welche Rolle hat die Gesellschaft bei dieser Entwicklung gespielt?
Krafft: Viele unterschiedliche Stakeholder haben an der Vision Zero mitgearbeitet, wie Kommunen, Versicherungsunternehmen, die Automobilindustrie und universitäre Forschung. So wurde Vision Zero als neuer Ansatz bald zu einem Gemeinschaftsprojekt.

DVR-report: Wie wurde Vision Zero sichtbar, zum Beispiel mit Blick auf die Infrastruktur, Technologie oder Stadtplanung?
Krafft: Die wichtigsten Maßnahmen wurden in eine Liste übernommen, die unter anderem die 100 gefährlichsten Straßen benannte. Sobald Maßnahmen umgesetzt wurden, wurde ihre Wirkung evaluiert und in wissenschaftlichen Artikeln und über die Medien verbreitet. Dadurch wurde die Arbeit zunehmend proaktiv.

DVR-report: Welche Rolle spielt die schwedische Kultur für die Verkehrssicherheit? Gibt es in Schweden eine andere Einstellung zur Verkehrssicherheit als in Deutschland?
Krafft: Ich weiß nicht, ob es kulturelle Unterschiede gibt, aber in jeder Gesellschaft gibt es immer Kräfte, die der Meinung sind, dass Menschenleben gegen den Nutzen des Straßenverkehrs abzuwägen sind. Ein ethischer Ansatz basiert hingegen darauf, dass das Verkehrssystem nicht auf Kosten von Menschenleben entwickelt werden darf. So entstehen mehr innovative Lösungen, die sicher sind und dabei häufig die Mobilität steigern.

DVR-report: Durch die Handynutzung im Straßenverkehr stellt Ablenkung mittlerweile ein hohes Unfallrisiko dar. Wie geht man in Schweden damit um?
Krafft: Die Automobilindustrie muss gemeinsam mit Softwareanbietern robuste und sichere Systeme für die Kommunikation mit dem Smartphone im Fahrzeug entwickeln. Hier kann Euro NCAP Anreize bieten. Es ist keine Lösung, Kommunikation zu verbieten, sondern sie sollte sicher gestaltet werden – und die Technik ist bereits verfügbar. Neue Assistenzsysteme, die Ablenkung bei der Fahrt erkennen, werden in den nächsten Jahren kommen. So könnte das Fahrzeug dann die Fahrt unterbrechen und am Straßenrand anhalten.

DVR-report: Wie kann uns die Digitalisierung der Verwirklichung von Vision Zero näherbringen?
Krafft: Meiner Meinung nach ist Geofencing hierbei eine der größten Chancen, die uns die Digitalisierung bietet. Digitale Zäune können für Verkehrszonen und Straßen eingerichtet werden und so Tempolimits in Städten, Verbots- oder Umweltzonen ohne fossile Brennstoffe durchsetzen helfen. Geofencing wird Städte lebenswerter und attraktiver machen, für weniger Lärm und weniger Luftverschmutzung sorgen und gleichzeitig die Verkehrssicherheit verbessern. Auch an der Kommunikation zwischen Fahrzeug und Infrastruktur wird gearbeitet.

DVR-report: Im Sinne der vereinbarten Reduktionsziele geht die Zahl der Verkehrstoten in Europa nicht deutlich genug zurück, dies gilt auch für Schweden, trotz der Vision Zero. Woran liegt das?
Krafft: Es ist wichtig, nicht nachzulassen und systematisch weiterzuarbeiten. Europa hat, wie auch Schweden, seit Anfang der 2000er Jahre großartige Fortschritte gemacht. In Schweden haben wir die Zahl der Verkehrstoten halbiert. Ab 2013 stagnierten die Zahlen, aber in diesem Jahr werden wir voraussichtlich unser bestes Ergebnis seit den 1940er Jahren erzielen.

DVR-report: Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Wie kann die Vision Zero sich den neuen Herausforderungen stellen? Was sind dabei die wichtigsten Ziele in Schweden und auch anderswo?
Krafft: Zwei Dinge sind ganz besonders wichtig: Bei der traditionellen Ansicht einiger Länder, dass Verkehrssicherheit allein in der Verantwortung der Regierungen liegt, muss ein Umdenken erfolgen. Weltweit haben Regierungen wesentliche Verbesserungen der Verkehrssicherheit in den vergangenen Jahrzehnten erzielt, indem auf Regeln und Vorschriften gesetzt wurde. In den letzten Jahren konnte aber in den meisten Ländern kein ausreichender Fortschritt mehr erreicht werden. Politische Strategien zur Verbesserung der Verkehrssicherheit haben vorrangig darauf abgezielt, das Verhalten einzelner Verkehrsteilnehmender zu beeinflussen, und dabei haben einige Länder versäumt, Konzerne, Unternehmen, gesellschaftliche Gruppen und weitere Instanzen einzubinden, damit auch sie sich für Verkehrssicherheit stark machen. Verkehrssicherheit ist nicht länger nur eine unabhängige Gesundheits- und Sicherheitsaufgabe, sondern wesentlicher Bestandteil des sozialen Engagements kommerzieller Unternehmen bis hin zu humanitären Initiativen und seit 2015 auch eines der UN-Ziele für Nachhaltigkeit. Der technologische Fortschritt wird immer schneller und dazu beitragen, dass verfügbare Sicherheitstechnologien bezahlbarer und neue Sicherheitssysteme für Fahrzeuge und Straßenverkehrsinfrastruktur eingeführt werden. Die öffentliche Hand und der Privatsektor werden Nachhaltigkeit, auch bei der Straßenverkehrssicherheit, immer stärker als Ziel verfolgen müssen.

DVR-report: Was tun Sie im Alltag, damit die Vision Zero Realität wird?
Krafft: Ich nutze immer den Abstandsregelautomaten für eine ruhige und angenehme Fahrt. Außerdem reise ich weniger, indem ich immer häufiger an Meetings per Skype teilnehme. Und ich trage stets einen Helm beim Fahrradfahren.

Interview: Ute Hammer

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