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Anregungen aus Europas Norden

DVR-Exkursion nach Skandinavien

Von Ute Hammer

Eine DVR-Exkursion nach Skandinavien lieferte zahlreiche Erkenntnisse zu den Themen „Sicherer Fuß- und Radverkehr“ sowie „Automatisiertes Fahren“. Ziel war es, Anregungen für die Verkehrssicherheitsarbeit in Deutschland zu erhalten. Teilgenommen haben neben Präsidiumsmitgliedern und Vorsitzenden betroffener DVR-Vorstandsausschüsse weitere Fachleute des Bundesverkehrsministeriums, der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) und eines Bundeslandes.

Fahrradstadt Kopenhagen
Erste Station war die Fahrradstadt Kopenhagen. 2018 wurden dort knapp 50 Prozent aller Fahrten auf dem Weg von und zur Arbeit oder zur Schule mit dem Fahrrad zurückgelegt. In der morgendlichen Rush Hour konnte die DVR-Delegation beobachten, wie sich Hunderte Radfahrerinnen und Radfahrer wie in einer Wolke zügig vorwärtsbewegten.

Im Architekturbüro „Jan Gehl – Making Cities for People“ wurden ungewöhnliche städtebauliche Lösungen präsentiert, zum Beispiel ein Fahrradweg, der mitten durch eine Schule führt. Die dänischen Architekten sind überzeugt: Auch in der Verkehrssicherheitsarbeit müsse man mehr intuitiv arbeiten, nicht alles bis ins Letzte erforschen, stattdessen gesunden Menschenverstand walten lassen und Dinge ausprobieren. Der Ansatz sei sehr einfach: „Für alle Altersgruppen und Fähigkeiten.“

Bei einer Tour auf Leih-Fahrrädern durch Kopenhagen stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest: Ja, es ist ein kolossaler Unterschied zum Radfahren in Bonn oder Berlin, man fühlt sich sicherer. Und dieser Eindruck trügt nicht: Pro einer Million Fahrten mit dem Rad werden nur 0,7 Unfälle verursacht (Stand: 2018). Ein Grund dafür ist die auf Fahrräder eingestellte innerstädtische Infrastruktur, zum Beispiel mittels Kreuzungen, die für den Radverkehr sicher gestaltet wurden. Das gefährliche Linksabbiegen an großen Kreuzungen ist für Radfahrende einfach und effizient geregelt: Man fährt bei Grün in die Kreuzung, bleibt aber rechts und reiht sich in die von rechts kommende Fahrbahn ganz vorne ein, wo ein farblich markierter Fahrradbereich vor den wartenden Autos freigehalten wird. Es gab viele nachahmenswerte Beispiele für Deutschland.

Kopenhagen schafft seit Jahrzehnten konsequent mehr Platz für den Radverkehr, baut breite Fahrradwege ebenso wie Radschnellwege und Fahrradbrücken. Der Platzbedarf für fahrende und parkende Fahrräder steigt. Und Dänemark strebt „Null Verkehrstote und Null Schwerverletzte“ an.

Kristine Munkgård Pedersen und Bo Mikkelsen von der Kopenhagener Stadtverwaltung sind stolz darauf, dass Kopenhagen die beste Stadt der Welt für Radfahrende sei und die erste CO2-neutrale Hauptstadt.

Schweden und die Vision Zero
Weiter ging es nach Schweden, wo die Fachleute aus Deutschland auf Kenneth Svensson von der Transport Administration Stockholm in seinem Büro in Göteborg trafen. Eine zentrale Frage an ihn war, welche Vision-Zero-Maßnahmen das schwedische Verkehrsministerium angesichts steigender Getötetenzahlen zukünftig umsetzen wird. Svensson berichtete über den aktuell erstellten Road Safety Action Plan 2019 bis 2022 für Verkehrssicherheit. Ein Teil des Plans betrifft den weiteren Ausbau der sogenannten 2+1-Straßen. Die erste dieser Straßen entstand 1998, mittlerweile ist ein Großteil der wichtigsten Landstraßen Schwedens nach diesem Konzept umgebaut: Immer im Wechsel existiert mal in die eine und mal in die andere Richtung eine Überholspur. Allein die massive Umsetzung dieser Maßnahme hat in Schweden seit 1998 einen Rückgang von 80 Prozent der Getöteten auf Landstraßen zur Folge. In Deutschland waren Landstraßen dieser Art bereits vor 1998 vorgesehen, doch es gibt bislang nur wenige.

Autonomes Fahren
Begleitet von Astrid Linder, Research Director beim Swedish National Road and Transport Research Institute vti, vergleichbar mit der BASt in Deutschland, wurde die Exkursion in einem kleinen Bus nach Borås fortgesetzt. Unterwegs überzeugten die 2+1-Straßen. Ziel in der Nähe von Borås war der autonom fahrende Lkw T-Pod auf dem Testgelände AstaZero. Dort wurde das Forschungsprojekt präsentiert, eine Kooperation zwischen DB Schenker und dem schwedischen Start Up-Unternehmen Einride. Der Lkw fuhr autonom aus einer Halle und absolvierte kleine Strecken und Stopps auf dem Werksgelände.

Nächste Station war Stockholm, das im Gegensatz zu Kopenhagen keine typische Fahrradstadt ist und erhebliche Verkehrsprobleme hat. Insbesondere die Zahlen der verletzten und getöteten Fußgängerinnen und Fußgänger sowie Radfahrenden bleiben konstant. Immerhin tragen rund 80 Prozent der Radfahrenden einen Helm.

Stockholms Bürgermeister für Verkehr Daniel Helldén unterstrich, dass der Verkehr in Stockholm schwierig sei, sein Ziel seien individuelle situative Geschwindigkeitsvorgaben.

Anschließend trafen die Fachleute aus Deutschland Claes Tingvall, den „Vater“ der Vision Zero in Schweden. Er zeigte sich besorgt über die Verkehrssituation speziell in Stockholm. Andere Städte wie Malmö oder Göteborg seien in der Verkehrssicherheit schon sehr weit.

In Barkarby Stora Torget konnte die Gruppe in einem autonom fahrenden Busshuttle mitfahren, der seit einigen Monaten in den normalen Linienverkehr integriert ist. Er fährt alle 15 Minuten vier Haltestellen in einer sehr ruhigen Wohngegend an, die Fahrzeit beträgt zwölf Minuten. Der Kleinbus verfügt über sechs Sitz- und etwa vier bis sechs Stehplätze. Ein Platz ist dem „Kontrolleur“ vorbehalten, der auf das Fahrzeug aufpasst und nur im Fall von Problemen eingreift.

Ein gelungener Abschluss der Delegationsreise war das Fachgespräch mit Dr. Maria Krafft vom schwedischen Verkehrsministerium, der „wichtigsten Vision-Zero-Frau Schwedens“ – so war sie den Gästen aus Deutschland angekündigt worden. Mit Entschlossenheit und großem Engagement berichtete auch sie über den Road Safety Action Plan 2019 bis 2022 (siehe auch das Interview auf den Seiten 24 bis 25).

Insgesamt bot die Exkursion effiziente Ansatzpunkte zum Schutz des Fuß- und Radverkehrs sowie zur Landstraßensicherheit.

Die Autorin ist Geschäftsführerin des DVR.
uhammer@dvr.de

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