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Journal

 

„Wo bist du gerade?“

DVR/UK/BG-Schwerpunktaktion 2019 nimmt Fahrunfälle in den Fokus

Etwa jeder sechste Unfall mit Verletzten oder Getöteten in Deutschland ist ein sogenannter Fahrunfall. Das bedeutet, die Person hinter dem Steuer hat die Kontrolle verloren, ohne dass andere dazu beigetragen haben. Die mögliche Folge: Abkommen von der Fahrbahn, Zusammenstöße mit anderen Verkehrsteilnehmenden, Getötete und Verletzte.

Warum verlieren Menschen die Kontrolle über ihr Fahrzeug? Mögliche Ursachen sind Ablenkung, psychische Belastungen und Beanspruchungen, Selbstüberschätzung oder Unerfahrenheit im Umgang mit dem Auto, Lkw, Bus oder auch Fahrrad. Genau das thematisiert die diesjährige gemeinsame Schwerpunktaktion des DVR mit den Unfallkassen und Berufsgenossenschaften (UK|BG).

Fahrunfälle mit gravierenden Folgen
1.130 Getötete, 65.000 Verletzte, davon über 18.500 schwer – das ist die Bilanz des Statistischen Bundesamtes zu Fahrunfällen im Jahr 2018.

Medien und Materialien
Um Beschäftigte für das Thema Fahrunfälle zu sensibilisieren, haben der DVR, die Unfallkassen und Berufsgenossenschaften Medien und Materialien erstellt, die innerbetrieblich genutzt werden können. Dazu gehören Filme, umfassende Seminarmaterialien und Präsentationen. Mit den Materialien ist es möglich, Kurzvorträge mit einer Dauer von 15 Minuten durchzuführen oder Seminare mit einer Dauer von 45 Minuten abzuhalten.

Neben den Seminarmaterialien können eine Aktionsbroschüre, Poster, Faltblätter sowie ein Aufsteller bestellt werden. Die Aktionsbroschüre eignet sich besonders gut als „Handout“ in den Seminaren.

Weitere Informationen unter: www.wo-bist-du-gerade.de.

Alle Medien und Materialien können direkt bestellt werden unter: www.wo-bist-du-gerade.de/materialien

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„Section Control“ wirkt

Abschnittskontrolle auf der B6 bei Hannover

Von Dr. Johannes Kupper

Unter dem Begriff der Abschnittskontrolle, auch als „Section Control“ bekannt, versteht man die Überwachung der Durchschnittsgeschwindigkeiten von Fahrzeugen über einen Streckenabschnitt mit einer Länge von einigen hundert Metern bis einigen Kilometern. Dazu werden die Fahrzeuge beim Einfahren in den überwachten Abschnitt und beim Ausfahren aus dem überwachten Abschnitt am sogenannten Ein- bzw. Ausfahrtsportal erfasst (siehe Abbildung 1). Aus der Zeitdifferenz zwischen Ein- und Ausfahrt und der bekannten Wegstrecke zwischen Ein- und Ausfahrtsportal, kann dann auf die Durchschnittsgeschwindigkeit des Fahrzeugs geschlossen werden.

Wissenschaftliche Untersuchungen von Soole et al.1 und Koy2, die an diesen Anlagen im Ausland durchgeführt wurden, konnten bisher zeigen, dass die Abschnittskontrolle die mittleren Geschwindigkeiten im Verkehrsfluss um bis zu 20 km/h absenkt. In Folge dieser Geschwindigkeitsreduktionen wurden von Soole et al. und Høye3, 4 Rückgänge in der Zahl der schwer verletzten oder getöteten Verkehrsteilnehmenden von bis zu 80 Prozent nachgewiesen. Die Abschnittskontrolle gilt daher als effektives Mittel zur Erhöhung der Verkehrssicherheit.

Motivation
Die erste Anlage zur Abschnittskontrolle in Deutschland steht auf der B6 bei Hannover zwischen den Ortschaften Gleidingen und Rethen. Diese Anlage ist Teil eines Pilotprojektes, das vom Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport im Jahr 2014 initiiert wurde. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) begleitet die Einführung der Abschnittskontrolle in Niedersachsen von wissenschaftlicher Seite her. Mit Hilfe dieser wissenschaftlichen Begleituntersuchung soll geklärt werden, ob die aus dem Ausland bekannten Wirkungen der Abschnittskontrolle auch hier in Deutschland nachweisbar sind.

Verkehrsflussmessungen
Bereits während der Aufbauphase und Installation der Abschnittskontrolle in den Jahren 2015 bis 2018 wurden von der PTB Verkehrsflussmessungen durchgeführt. In diesem Zeitraum befand sich die Anlage in einem Testbetrieb und wurde nicht für die Verkehrsüberwachung verwendet. Die Verkehrsflussmessungen konnten in diesem Zeitraum zeigen, dass die im Testbetrieb befindliche Abschnittskontrolle die mittleren Geschwindigkeiten lokal um zwei bis fünf km/h absenkt und den Befolgungsgrad um bis zu 30 Prozentpunkte steigert. Niedrigere mittlere Geschwindigkeiten im Verkehrsfluss korrespondieren mit einer Erhöhung der Verkehrssicherheit. Das heißt, bereits der Aufbau der Anlage genügte, um die Verkehrssicherheit auf der B6 zu erhöhen.

Nachdem die Anlage Mitte Januar 2019 in den Echtbetrieb versetzt wurde, wurden auf der B6 erneut Verkehrsflussmessungen durchgeführt. Die dabei bestimmten mittleren Geschwindigkeiten (Echtbetrieb) werden in Abbildung 2 zusammen mit den mittleren Geschwindigkeiten, die im Zeitraum vor Beginn der Errichtung der Abschnittskontrolle gemessen wurden (Vorherzeitraum), dargestellt.

Die Werte in Abbildung 2 zeigen, dass die Abschnittskontrolle im Echtbetrieb die mittlere Geschwindigkeit auf beiden Fahrstreifen lokal um zwei bis zehn km/h signifikant absenkt. Infolgedessen steigt der Befolgungsgrad lokal um bis zu 40 Prozentpunkte. Der Vergleich dieser beiden Parameter mit den Werten des Testbetriebs belegt, dass die Abschnittskontrolle mit dem Übergang vom Testbetrieb in den Echtbetrieb die Verkehrssicherheit nochmals erhöhen konnte.

Mit Hilfe des in der Verkehrssicherheitsforschung oftmals angewendeten „Power Models“5 kann die Erhöhung der Verkehrssicherheit, die mit der hier gefundenen Reduzierung der mittleren Geschwindigkeit von 105 km/h auf 95 km/h verbunden ist, abgeschätzt werden. Demnach korrespondiert die gefundene Reduzierung der mittleren Geschwindigkeit mit einer Absenkung der Zahl der Verkehrstoten von rund 25 Prozent.

Mitte März 2019 musste die Abschnittskontrolle auf der B6, aufgrund eines Beschlusses des Verwaltungsgerichts Hannovers, außer Betrieb genommen werden. Drei Wochen nachdem diese öffentlichkeitswirksame Abschaltung erfolgte, wurden an den beiden Messorten, an denen im Vorherzeitraum die größten mittleren Geschwindigkeitswerte gemessen werden konnten, erneut Verkehrsflussmessungen durchgeführt. Bei dieser Nachuntersuchung zeigte sich, dass an diesen beiden Messorten die mittleren Geschwindigkeiten und Befolgungsgrade sich nicht mehr signifikant von denen des Vorherzeitraums unterscheiden. Das heißt, kurze Zeit nach der Abschaltung der Anlage waren keine verkehrssichernden Effekte mehr nachweisbar. Das Fahrverhalten war demnach wieder so, wie es vor Errichtung der Anlage war.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe 1.31 „Geschwindigkeitsmessgeräte“ der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig.
johannes.kupper@ptb.de

1 D. W. Soole, B. C. Watson and J. J. Fleiter. Effects of average speed enforcement on speed compliance and crashes: A review of the literature. Accident Analysis & Prevention 54: S. 46-56, 2013.
2 T. Koy, S. Benz and L. Haas. Auswirkungen von Abschnittsgeschwindigkeitskontrollen (AGK) auf das Fahrverhalten und Unfallgeschehen. Technischer Bericht Nr. 60.404.0-001, Bundesamt für Straßen ASTRA, Rapp Trans AG, 2011.
3 A. Høye. Speed cameras, section control, and kangaroo jumps - a metaanalysis. Accident Analysis & Prevention 73: S. 200-208, 2014.
4 A. Høye. Safety effects of section control - An empirical Bayes evaluation. Accident Analysis & Prevention 74: S. 169-178, 2015.
5 R. Elvik. The Power Model of the relationship between speed and road safety - Update and new analyses, Institute of Transport Economics, Norwegian Centre for Transport Research, TOI report 1034/2009.

Neue Rechtsgrundlage geschaffen

Von Prof. Dr. Dieter Müller

Auf der Grundlage eines aktuellen Beschlusses des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Lüneburg vom 3. Juli 2019 ist die im niedersächsischen Landesrecht neu geschaffene Vorschrift des § 32 Abs. 7 Niedersächsisches Polizei- und Ordnungsbehördengesetz (NPOG) eine geeignete Rechtsgrundlage für die Strecken-Geschwindigkeitsüberwachung („Section Control“). Damit ist ein langer juristischer Weg für die erste Überwachungsanlage dieser Art in Deutschland erfolgreich zurückgelegt. Das Bundesland hatte sich als Rechtsgrundlage für den Betrieb zunächst auf die Generalermächtigung des § 11 Niedersächsisches Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung (NdsSOG) gestützt, die vom Verwaltungsgericht (VG) Hannover und dem OVG Lüneburg übereinstimmend als rechtswidrig abgelehnt wurde.

Der Landesgesetzgeber hatte jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits die neue Norm in das Gesetzgebungsverfahren eingebracht, nur eben nicht rechtzeitig. Tatsächlich hätte man dieses juristische Streitverfahren vermeiden können, indem man einfach so lange gewartet hätte, bis die neue Vorschrift vom Landtag verabschiedet worden wäre. Nach der neuen Regelung dürfen Verwaltungsbehörden und die Polizei nunmehr Bildaufzeichnungen offen anfertigen und damit auf einer festgelegten Wegstrecke die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Kraftfahrzeugs ermitteln. Dabei dürfen technisch nur das Kraftfahrzeugkennzeichen, das Kraftfahrzeug und seine Fahrtrichtung sowie Zeit und Ort erfasst werden. Sollte ein Verstoß ermittelt werden, darf ein Foto des Fahrers dann allerdings nach den bundesrechtlichen Normen der § 100h Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Strafprozessordnung (StPO) i.V.m. § 46 Abs. 1 Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) angefertigt werden.

Der Autor lehrt und forscht seit 2000 in den Fachgebieten Straßenverkehrsrecht und Verkehrsstrafrecht an der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) in Rothenburg/Oberlausitz und ist seit 2015 Vorsitzender des Juristischen Beirates des DVR.

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„Die Strecke kenne ich doch!“

Projekt für junge Beschäftigte: „Sicher in meiner Region – Regio Protect UVT“

Von Marita Menzel und Lena Wall

Im Jahr 2016 ereigneten sich erstmals mehr meldepflichtige Unfälle mit tödlichem Ausgang im Straßenverkehr als außerhalb des Straßenverkehrs. Knapp 30 Prozent (40.007; DGUV 2016) der meldepflichtigen Arbeits-und Dienstwegeunfälle im Straßenverkehr sind auf junge Beschäftigte im Alter von 16 bis 29 Jahren zurückzuführen. Das Projekt „Sicher in meiner Region — Regio Protect UVT“ (Sicher in meiner Region) wurde als Seminarprogramm entwickelt, um dieses besonders hohe Unfallrisiko von jungen Menschen auf ihren täglichen Arbeitswegen abzusenken.

Das Programm besteht aus zwei Präsenzseminaren und einer online-basierten Selbstlernphase, für die eigens die Webseite www.sicher-in-meiner-region.de vom DVR entwickelt wurde.

Unfallhäufungsstellen ermitteln
Auf der Basis polizeilich erfasster Unfalldaten werden regionale Unfallhäufungsstellen in der Umgebung von projektbeteiligten Betrieben ermittelt, bei denen die unfallverursachenden Personen zwischen 16 und 29 Jahre alt waren. Den jungen Seminarteilnehmenden sind diese lokalen Strecken aus ihrem Alltag mehrheitlich bekannt und bieten so ein besonders hohes emotionales Identifikationspotenzial für die jungen Beschäftigten.

In zwei Seminaren werden die jungen Beschäftigten durch professionelle Trainerinnen und Trainer für die spezifischen Gefährdungen der ihnen geläufigen Wege sensibilisiert. Zwischen den beiden Seminaren findet eine mindestens dreiwöchige online-basierte Selbstlernphase statt. Während dieser Zeit bearbeiten die Teilnehmenden mithilfe der Webseite selbstständig individuelle Beobachtungsaufgaben zu Strecken in ihrer Umgebung.

Innovative Prävention
Dazu werden für das Projekt die in einer bestimmten Region identifizierten Unfallhäufungsstellen per Video aufgenommen, mögliche Unfallhergänge in animierten Videos rekonstruiert und anschließend auf der Webseite zur Verfügung gestellt. Die Webseite www.sicher-in-meiner-region.de arbeitet mit einer speziell programmierten Webplayer-Lösung für 360-Grad-Videos und stellt somit ein innovatives Online-Präventions-Tool dar.

Die auf der Webseite zur Verfügung stehenden Projektmaterialien können nicht über standardisierte Verfahren erstellt werden, sondern erfordern eine intensive individuelle und streckenspezifische Detailbearbeitung. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, wurde im Februar 2019 eine Projektmitarbeiterin bei der Verkehrssicherheit Konzept & Media GmbH (VKM, Tochtergesellschaft des DVR) eingestellt. So wird es möglich, im Projektjahr 2019 die Medien für alle Pilotprojekte aufzubereiten. Darüber hinaus wurden zielgruppenspezifische Marketing- Medien entwickelt und produziert. Die Umsetzung und Wirkungsweise des gesamten Projektes unterliegt einer systematischen Evaluation zur Erhebung des Wissenszuwachses, der Einstellungsveränderung und der Akzeptanz bei den jungen Menschen.

Pilotprojekte
Im letzten Quartal des Jahres 2017 wurde das Projekt erstmalig bei zwei Unternehmen im Südosten Bayerns durchgeführt. Im letzten Quartal des Jahres 2018 war an einem der Pilotstandorte eine zweite Durchführung mit anschließender Evaluation möglich. Beide Erhebungszeiträume zeigen, dass die Seminare Wirkungsträger der Intervention sind. Außerdem reduziert sich nach der Intervention tendenziell die Bereitschaft aggressiver Verkehrsverstöße. Gleichzeitig deuten die Ergebnisse auf eine mögliche erhöhte Sensibilität gegenüber Aufmerksamkeitsfehlern und Geschwindigkeitsverstößen hin. Zudem kommt es zu signifikanten Verbesserungen der Methoden- und Sozialkompetenz der Teilnehmenden.

Auf Basis der Rückmeldung der Teilnehmenden aus 2017 wurde das Online-Präventions-Tool 2018/2019 grundlegend überarbeitet, vor allem hinsichtlich der Bereitstellung der Medien. Dies führte zu einer deutlich besseren Bewertung aller verwendeten Medien und der Nutzungsfreundlichkeit der Webseite.

Neben der Projektregion Bayern wird „Sicher in meiner Region“ im September/Oktober 2019 in Niedersachsen durchgeführt. Zudem ist für Dezember 2019/Januar 2020 eine Durchführung in Nordrhein-Westfalen (Kreis Köln) avisiert. Anschließend sollen die weiteren Projektregionen Hessen (Kassel), Rheinland-Pfalz/Baden-Württemberg (Ludwigshafen/Mannheim) und zusätzliche Standorte in Nordrhein-Westfalen folgen.

Bei „Sicher in meiner Region“ handelt es sich um ein Kooperationsprojekt des DVR, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW), der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI), der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM), der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM), der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation (BG Verkehr) und der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg, der IPV GmbH und der TÜV | DEKRA arge tp 21 GbR in Kooperation mit der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e. V. (BVF).

„Sicher in meiner Region“ ist als Pilotprojekt zunächst bis zum Ende des Jahres 2019 angelegt.

Marita Menzel ist Referentin Aus- und Weiterbildung im Referat Unfallprävention – Wege und Dienstwege des DVR.
MMenzel@dvr.de

Lena Wall ist Projektmitarbeiterin „Sicher in meiner Region“ bei der DVR-Tochtergesellschaft VKM Verkehrssicherheit Konzept & Media GmbH.
wall@vkm-dvr.de

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