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Interview

 

„Ich halte viel von Visionen“

Der Mobilitätsexperte Professor Stefan Bratzel über die Herausforderungen des automatisierten und vernetzten Straßenverkehrs, die Sicherheitsstrategie Vision Zero und die Verteilungsproblematik in unseren Städten

DVR-report: Herr Professor Bratzel, intelligente und vernetzte Verkehrssysteme sollen die Herausforderungen des stetig wachsenden Verkehrs bewältigen. Im Fokus stehen moderne Fahrzeug- und Straßensysteme, die wesentlich dazu beitragen, den Straßenverkehr sicherer, effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten. Wo sehen Sie die Grenzen der zunehmenden Technisierung?

Prof. Bratzel: Zunächst möchte ich die Vorteile stark hervorheben. Die Chancen, die in der Vernetzung der Fahrzeuge untereinander oder der Fahrzeuge mit dem Umfeld liegen, sind enorm.
Die Herausforderungen liegen zum einen im technisch-funktionalen Bereich. Das betrifft die Hard- und Software der Systeme. Bei der Hardware sind die Kamera-, Radar- und Lidar-Sensoren gemeint. Dann haben wir das Thema Verarbeitungskapazitäten im Fahrzeug. Da braucht man einiges an schneller Rechenleistung.
Das zweite große Themenfeld ist die Überwachung der Daten. Die Frage, die hier zu Recht besteht, ist: Haben wir dadurch eine „Big Brother is watching you“-Problematik? Hier muss sauber unterschieden werden zwischen rein personenbezogenen Daten, die auch privat bleiben müssen, und denen, die man aggregieren kann und nicht auf Personen zurückzuführen sind. Das dritte und vielleicht wichtigste Thema ist die Cyber Security. Wir haben in den letzten Jahren bereits vereinzelte Hackerangriffe erlebt.

DVR-report: Mit Blick auf die einzelnen Akteure aus den Bereichen Wissenschaft, Automobilindustrie und Politik: Sind wir auf dem Weg zum automatisierten und vernetzten Fahren auf der richtigen Spur unterwegs?
Prof. Bratzel: Die Regulation von fahrerlosen vernetzten Fahrzeugen verdient eine höhere Dynamik. Das Thema wird sicherlich auch durch Standardisierungen getrieben und dann stellt sich die Frage: Wer kann diese Standards vor dem Hintergrund bestimmter Regularien setzen? Dann stellen sich Fragen der technischen Überwachung. Wie nimmt man solche Fahrzeuge ab, wie werden sie homologisiert? Maßgeblich muss es hier zu einem guten Zusammenspiel zwischen dem Regulator und den Hauptakteuren kommen. Hier sind die deutschen Automobilhersteller gefragt, aber auch Institutionen wie der DVR müssen in entsprechenden Fachgremien mitarbeiten. Generell empfehle ich ein schrittweises Vorgehen. Zunächst sollte darauf geachtet werden, zu schauen, was technisch möglich ist. Wir neigen dazu, alle Fragen gesamthaft im ersten Schritt klären zu wollen. Das wird nicht funktionieren.

DVR-report: Was halten Sie von der Vision Zero, einer strategischen Vorgehensweise mit dem Ziel, tödliche und schwere Unfälle zu verhindern? Ist sie aus Ihrer Sicht eine Vision für eine sichere und nachhaltige Mobilität?
Prof. Bratzel: Ich halte sehr viel von Visionen und bin bei Victor Hugo, der gesagt hat: „Visionäre sind die wahren Realisten“. Ohne Visionen kommt man nicht weiter. Insofern begrüße ich es sehr, dass man solche Ziele anstrebt. Man darf aus meiner Sicht nur einen Fehler nicht machen: In der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass fahrerlose Fahrsysteme innerhalb kürzester Zeit zu null Unfällen führen. Die Unfallrisiken müssen auch bei der Entwicklung hin zum fahrerlosen Fahren im Blick behalten werden. br>Selbstverständlich wollen wir immer weniger Unfälle und Todesfälle haben, aber auch mit diesen Fahrzeugen sind solche Gefahren nicht hundertprozentig zu verhindern. Diese Erkenntnis ist immens wichtig, gerade um Verbesserungen im Sinne der Vision Zero zu erzielen.

DVR-report: Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass der Mensch das Autofahren verlernt, wenn er zunehmend hochautomatisiert fährt?
Prof. Bratzel: Wenn man in längeren Zeiträumen denkt, wird der Mensch immer mehr Passagier sein als selbst zu fahren. Dafür braucht man kein Prophet sein. Je näher wir an das Jahr 2050 heranrücken, desto weniger Führerscheinbesitzer wird es geben. Da kann man schon auf die Technologiefortschritte setzen. Ich glaube sogar, dass manuelles Fahren irgendwann tatsächlich verboten und als zu gefährlich eingestuft wird. Manuell werden wir dann nur noch auf Motodromen oder der Kirmes fahren können.

DVR-report: Viele deutsche Autofahrende sehen das vollautomatisierte Fahren noch kritisch oder wollen die Fahraufgabe ganz bewusst nicht an die Maschine abgeben, möchten auf den Fahrspaß nicht verzichten. Wie kann diese Skepsis abgebaut werden?
Prof. Bratzel: Da bin ich sehr optimistisch. Es ist eine Entwicklung, die wir bei vielen neuen Technologien gehabt haben, das war im Übergang vom Pferd zum Auto auch der Fall. Irgendwann überwiegen die Komfortvorteile, die man durch solche autonomen Fahrsysteme hat und diese sind dann auch entscheidend, ob sich diese Technologien fortführen lassen. Je mehr Komfort die Systeme bieten, desto schneller werden sie sich dann auch verbreiten. Und eine große Rolle spielt beim fahrerlosen Fahren, dass dem Menschen mit dieser Entwicklung Lebenszeit zurückgegeben wird, die er mit anderen Dingen verbringen kann als mit der Fahraufgabe.
Früher war das Auto für uns ein Statussymbol und man musste mit 18 Jahren den Führerschein haben und möglichst ein eigenes Auto. Die heutige junge Generation hat eine andere Wertigkeit, da spielen das Auto und der Führerschein eine deutlich geringere Rolle. Wenn wir jetzt zehn bis 20 Jahre in die Zukunft blicken, dann ist meine Generation eine quasi aussterbende Spezies, was das Thema Fahrerlebnis betrifft.

DVR-report: Wie groß ist Ihr Vertrauen in die Technik? Ich gehe davon aus, dass Sie sich schon einmal von einem vollautomatisierten Fahrzeug haben chauffieren lassen. Was war das für ein Erlebnis?
Prof. Bratzel: Ich bin eher ein Technologieoptimist. Ich glaube, dass wir große Vorteile mit neuen Technologien haben. Vor zwei Jahren haben wir im Silicon Valley autonome Fahrsysteme getestet. Ich fühlte mich sehr sicher in diesen Fahrzeugen und würde fast behaupten, dass das ein oder andere gut entwickelte System besser fährt als mancher menschliche Fahrer. Allerdings kann man auch immer die Grenzen dieser Systeme erkennen. Sie können noch nicht alle Eventualitäten abdecken und haben noch Defizite. Das gilt besonders in komplexen städtischen Situationen. Aber die Entwicklung geht schrittweise voran.

DVR-report: Welche Rolle spielen die Datensicherheit und der Schutz der Fahrzeuge vor Hackerangriffen? Wie kann gegen Missbrauch und Manipulation vorgebeugt werden?
Prof. Bratzel: Ganz klar ein sehr wichtiges Thema. Mit dem vernetzten Fahrzeug steigen natürlich die Angriffsflächen. Mit jedem Zugang, den man dem Fahrzeug gewährt über WLAN, Reifendrucksensoren, Infotainment oder Kamerasysteme, steigen die Angriffs­punkte. Da wird man auch nie eine allumfassende sichere Lösung finden, sondern nur eine relativ sichere. Hier muss man den Druck auf die Hersteller insoweit verstärken, dass sie an diesen Sicherheitsthemen, sprich Cyber Security, nicht sparen und genügend in die Entwicklungsarbeit investieren. Aber ein Restrisiko wird immer bleiben.

DVR-report: In Zeiten einer zunehmenden Anzahl von Pkw, überlasteter Innenstädte, neuer Elektrokleinstfahrzeuge und immer höheren Zeitdrucks für alle Verkehrsteilnehmenden stellt sich drängend die zentrale Frage: Wem gehört die Straße? Wie betrachten Sie die Verteilungsproblematik in unseren Städten?
Prof. Bratzel: Es ist eine gesellschaftliche Frage, die darin mündet, wie wollen wir leben? Meiner Ansicht nach ist es bereits jetzt schon erkennbar, dass ein weiteres Verkehrswachstum mit der Steigerung des privaten Autoverkehrs in städtischen Regionen nicht möglich sein wird. Das sieht man bereits heute schon in Metropolen wie Peking oder Shanghai, mehr Verkehr ist dort nicht mehr möglich. Dementsprechend bin ich der Überzeugung, dass man auch in Deutschland den Menschen nichts vormachen darf, es braucht in städtischen Regionen auch eine Begrenzung des motorisierten Individualverkehrs. Das kann mit unterschiedlichen Maßnahmen umgesetzt werden: eine City Maut oder sonstige Zugangsbeschränkungen oder die Reduktion von Parkflächen und Fahrspuren etc. Wichtig ist, dass es parallel Alternativen gibt, um die Mobilität zu erhalten. Ich bin sicher, hier kann man mit Vernetzung, Inter- und Multimodalität viel erreichen. Man muss die Menschen spüren lassen, welche Vorteile und Chancen sie mit geteilten Verkehrsmitteln in geballten Regionen haben.

DVR-report: Können E-Scooter, Pedelecs und Co. zukünftig Autos in unseren Innenstädten ablösen?
Prof. Bratzel: Mikromobilität durch Pedelecs, E-Scooter wird künftig eine enorm wichtige Rolle in Städten spielen, da diese deutlich weniger Verkehrsfläche beanspruchen und häufig die bessere Alternative zum Auto bieten. Aber was mir wichtig ist: Beim Thema Mobilität der Zukunft brauchen wir konsensorientierte Lösungen für alle unterschiedlichen Interessengruppen. Es muss verstärkt mit allen Beteiligten darüber gesprochen werden, wie wir künftig miteinander leben und wie wir den begrenzten Verkehrsraum aufteilen wollen. Da ist auch die politische Ebene noch viel stärker gefordert. Wir brauchen ein koordiniertes Handeln der einzelnen Ressorts. Wir irren in Deutschland bei vielen wichtigen Themen umher und sind zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung absolutes Entwicklungsland.

DVR-report: Sicher, stressfrei und wirtschaftlich durch den Straßenverkehr zu kommen, ist das Ziel aller Verkehrsteilnehmenden. Wie sieht Ihre Vision unserer zukünftigen Mobilität aus? Wie werden wir uns in zehn oder mehr Jahren fortbewegen?
Prof. Bratzel: In dieser Zeit werden wir sehr ausgeprägt elektrisch fahren, häufig auch auf Zweirädern. Und wir werden noch sehr viel intermodaler agieren, unter Verwendung verschiedenster Verkehrsträger und es wird sehr viel stärker in Richtung on-demand gehen, also Mobilität auf Abruf. Ich glaube zudem, dass wir in zehn, 15 Jahren alle unsere Mobilitäts-Abos haben werden, in denen ein bestimmtes Budget für die Verwendung unterschiedlichster Verkehrsträger enthalten ist. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass meine Lebensqualität durch sinnvoller genutzte freie Zeit ansteigen wird.

Interview: Sven Rademacher

Zur Person: Prof. Dr. Stefan Bratzel

Nach einem Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin promovierte Professor Stefan Bratzel mit dem Thema „Erfolgsbedingungen von Verkehrspolitik“. Seine Dissertation wurde mit dem Preis der Stiftung der deutschen Städte, Gemeinden und Kreise ausgezeichnet.

Nach beruflichen Stationen im Produktmarketing bei MCC smart in Renningen/Böblingen und bei Quam in München war der Mobilitätsexperte Leiter Geschäftsentwicklung Automotive bei der Planung, Transport, Verkehr (PTV) AG in Karlsruhe.

Seit 2004 ist Bratzel Dozent an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach und für den Master-Studiengang Automotive Management verantwortlich. Zudem ist er Leiter des unabhängigen wissenschaftlichen Instituts Center of Automotive Management (CAM) für empirische Automobil- und Mobilitätsforschung. Seine Forschungs- und Beratungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Vernetztes Fahrzeug, Mobilitätsdienstleistungen und Elektromobilität.

Der 46-jährige Wissenschaftler ist Koordinator von mehr als 20 nationalen und internationalen Forschungsprojekten und hat mehr als 50 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Darüber hinaus fungiert er als Gutachter für zahlreiche wissenschaftliche Zeitschriften und engagiert sich als Organisator und Ko-Organisator zahlreicher nationaler und internationaler Workshops und Konferenzen.


 

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