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Interview

 

„Wir sind eine unausgeschlafene Gesellschaft“

Der Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster Dr. Hans-Günter Weeß über Schlafstörungen und deren Auswirkung auf die Gesundheit und den Straßenverkehr

DVR-report: Herr Dr. Weeß, die EU-Kommission möchte die Zeitumstellung abschaffen. Den EU-Staaten soll dabei freigestellt werden, ob sie sich für die Winter- oder Sommerzeit entscheiden. Was empfiehlt der Experte?
Dr. Weeß: Ich plädiere aus schlafmedizinischer Perspektive für die natürliche Zeit, und das ist die Winterzeit. Vielen Menschen wäre dauerhaft die Sommerzeit lieber, es ist abends länger hell, man kann auch spät am Abend noch gemütlich im Garten sitzen. Doch leider produziert unser Körper den wichtigen Schlafbotenstoff Melatonin erst mit Einbruch der Dunkelheit. Wird dieser Schlafbotenstoff aufgrund der langen Helligkeit erst spät gebildet, werden wir auch erst zu einem späteren Zeitpunkt müde. Die „gesellschaftlichen“ Zeiten, zum Beispiel Arbeits- oder Schulbeginn, nehmen darauf allerdings keine Rücksicht. Deshalb bekommen wir in der Sommerzeit tendenziell weniger Schlaf. Aus meiner Sicht ist das fatal, denn wir sind sowieso eine chronisch unausgeschlafene Gesellschaft. Wenn sich das so fortsetzt, wird den Risiken des Schlafmangels Vorschub geleistet.
Auf unseren Straßen sterben doppelt so viele Menschen infolge von Übermüdung am Steuer als infolge von alkoholbedingten Unfällen. Wir wissen ebenfalls, dass Schüler sich frühmorgens nicht konzentrieren können, weil sie zum Teil noch in ihrer subjektiven Nacht in der Schule angekommen sind. Dementsprechend zeigen uns Grundlagenstudien, dass Klausuren um 7:45 Uhr schlechter gelöst werden als um 8:45 Uhr oder um 9:45 Uhr.
Wird die Zeitumstellung beendet und man entscheidet sich für die Sommerzeit, ist es in den Wintermonaten morgens relativ lange dunkel. Folglich fehlt uns am Morgen das wachmachende Licht und wir wanken alle tranig, unausgeschlafen zur Arbeit und Schule. Das würde unser Leistungsvermögen in der Schule und am Arbeitsplatz, aber auch im Straßenverkehr, nachhaltig negativ beeinflussen. Deshalb ist die natürliche Zeit die Winterzeit. Da ist es in den Wintermonaten morgens früher hell und in den Sommermonaten früher dunkel. So kommen wir zu mehr Schlaf und gehen wacher durch das Leben.

DVR-report: Wie gut schlafen die Menschen in Deutschland?
Dr. Weeß: Wir können davon ausgehen, dass sechs Prozent der Bevölkerung einen gestörten Schlaf, eine behandlungsbedürftige Schlafstörung aufweisen. Ungefähr ein weiteres Drittel hat Probleme mit dem Schlaf. Diese Menschen haben einen fragilen Schlaf, das heißt, sie erfüllen noch nicht die Kriterien für eine behandlungsbedürftige Schlafstörung, sind aber dennoch gefährdet.

DVR-report: Wie kann sich Schlafmangel gesundheitlich auswirken?
Dr. Weeß: Wenn wir nicht genügend schlafen, kann das kurz- und langfristige Folgen haben. Kurzfristig können wir uns schlechter konzentrieren, wir machen mehr Fehler und schwächen unser Immunsystem. Schon wenige Tage ohne ausreichenden Schlaf beeinträchtigen die Immunabwehr und erhöhen zum Beispiel die potenzielle Gefahr von Erkältungen. Unsere Muskelaktivität und die Regeneration der beanspruchten Muskulatur werden geschwächt. Bei Männern, die über Wochen hinweg zu wenig Schlaf bekommen, sinkt die Spermienproduktion um die Hälfte ab. Insgesamt können wir bei kurzen Schlafrhythmen unser nächtliches Reparatur- und Regenerationsprogramm nicht adäquat ausschöpfen. Um es zu veranschaulichen: Niemand käme auf die Idee, das Programm der Spülmaschine frühzeitig zu unterbrechen, weil dann das Geschirr noch schmutzig wäre, aber mit unserem Schlaf verfahren wir so gedankenlos. Über 80 Prozent der Deutschen wachen morgens durch den Wecker auf. Das bedeutet, sie beenden ihr Schlafprogramm vorzeitig, obwohl es seine Aufgaben noch nicht erfüllt hat.
Langfristig steigt das Risiko für Kreislauferkrankungen, aber auch für Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes. Chronischer Schlafmangel erhöht auch das Risiko für depressive Störungen und allgemeine psychische Störungen.

DVR-report: Was kann ich tun, um zu einem gesunden, erholsamen Schlaf zu kommen?
Dr. Weeß: Jeder Mensch sollte versuchen, sich zu entspannen. Das ist der Königsweg zum erholsamen, tiefen und festen Schlaf. Aber auch das Bewusstsein für den Schlaf sollte sich ändern. In unserer Gesellschaft wird der Schlaf viel zu wenig geschätzt. Sie merken das an Aussagen wie „du Schlafmütze, du Schnarchnase“ oder „die Konkurrenz schläft nicht“ – alles, was mit viel Schlaf zu tun hat, ist negativ besetzt. Umgekehrt gilt man als tüchtig und fleißig, wenn man von sich behauptet, wenig zu schlafen. Dabei sollte klar sein, wer wach und leistungsfähig sein will, muss ausreichend schlafen. Dementsprechend ist es wichtig, dass wir abends rechtzeitig ins Bett gehen. Oft stehen wir vor der Frage, arbeiten wir noch etwas, gehen wir unserem Hobby nach, surfen noch ein bisschen im Internet oder gehen wir ins Bett. Oft wird die Entscheidung gegen den Schlaf getroffen. Hier brauchen wir einen Kulturwandel.

DVR-report: Wie viele Stunden sollte geschlafen werden, um fit und ausgeruht in den Tag starten zu können?
Dr. Weeß: Es gibt unterschiedliche genetische Schlafbedürfnisse. Über 80 Prozent der Menschen in Deutschland haben rein genetisch gesehen ein Schlafbedürfnis von sechs bis acht Stunden. Aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Das muss jeder Mensch für sich selbst herausfinden.

DVR-report: Kann Schlaf nachgeholt werden, oder ist das ein Mythos?
Dr. Weeß: Ja und nein. Nein, weil das nächtliche Reparaturprogramm noch nicht vollständig abgelaufen ist und man deshalb am nächsten Tag müde ist. Sie machen Fehler, ihre Konzentrationsleistung und das Immunsystem sind geschwächt.
Ja, weil wir die Übermüdung in den Griff bekommen, wenn wir nach einigen Tagen mit zu wenig Schlaf wieder ausreichend schlafen. Die kurzfristigen Folgen aber machen wir nicht mehr reversibel.

DVR-report: In der momentanen dunklen Jahreszeit sind viele Menschen besonders müde. Woran liegt das?
Dr. Weeß: Schlafen ist insgesamt ein sehr komplexer Vorgang und auch ein hochaktiver Prozess. Es ist nicht so, dass im Kopf die Lichter ausgehen und alle Systeme heruntergefahren werden. Im Schlaf verbrauchen wir für Regeneration und Reparatur, für Gedächtnisbildung und für die Stärkung des Immunsystems so viel Energie wie auch am Tag. Im Vergleich verbrauchen wir nachts nur eine Scheibe Brot weniger.
Unsere innere Uhr wird durch den Hell-Dunkel-Rhythmus gesteuert. Uns fällt es in den Wintermonaten etwas schwerer, wach zu werden, weil wir längere Dunkelphasen haben und dann ist es so, dass das Melatonin noch in den Tag hineinwirken kann und somit einen Einfluss auf unser psychisches Befinden hat, zumindest bei zwei Drittel unserer Bevölkerung. Vielen geht es so, dass sie von der Stimmung her etwas gedrückter sind und etwas mehr zum depressiven Pol tendieren.

DVR-report: Dennoch sitzen viele berufstätige Menschen morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends wieder nach Hause im Dunkeln hinter dem Steuer. Gibt es spezielle Möglichkeiten, der Müdigkeit in Herbst und Winter zu begegnen?
Dr. Weeß: Wir können der Natur kein großes Schnippchen schlagen, aber man kann schon selbst etwas unternehmen, um das Herz-Kreislauf-System anzukurbeln, um wach zu werden. Wechselwarme Duschen sind hilfreich, Frühsport kann sinnvoll sein, am Tage viel Aufenthalt im Freien, damit das Melatonin abgebaut wird. Für Menschen, die sich besonders schwertun, in die Gänge zu kommen, können Tageslichtlampen helfen. Sie bilden das natürliche Sonnenlicht nach und das hilft durch seine Blaulichtanteile, das Melatonin zu unterdrücken.

DVR-report: Müdigkeit am Steuer wird von vielen Menschen unterschätzt. Wie wirkt sich die Müdigkeit im Straßenverkehr aus?
Dr. Weeß: Man nimmt nicht mehr alles adäquat wahr, zum Beispiel Verkehrszeichen oder Geschwindigkeitsbegrenzungen, und das Reaktionsvermögen in kritischen Gefahrensituationen lässt nach. Die Augenlider werden schwer, man weiß nicht mehr, wo man gerade gefahren ist, welche Geschwindigkeit vorgegeben ist. Auffälliges Gähnen, Tränenfluss und der Tunnelblick sind weitere gefährliche Anzeichen.

DVR-report: Angenommen, die Warnzeichen sind erkannt und man steuert den nächsten Rastplatz an. Welche Tipps können Sie geben, um die Fahrt sicher fortzusetzen?
Dr. Weeß: Das sind zwei Dinge, die wir auch in unserer gemeinsamen Müdigkeitskampagne mit dem DVR „Vorsicht Sekundenschlaf!“ propagieren. Zum einen ist es das kurze Nickerchen von zehn oder maximal 20 Minuten, das wieder wach und fahrtüchtig machen kann. Das ist aber nicht jedem möglich, da manche nicht so gut abschalten können oder weil es zu laute Umgebungsgeräusche gibt. Dann kann vielleicht eine leichte Entspannungsmusik helfen, sodass man eine kontrollierte Geräuschkulisse hat. Mit Hilfe von Kopfhörern können die Außengeräusche noch stärker isoliert werden, was die Entspannung unterstützt. Und wenn man vorher noch eine Tasse Kaffee trinkt, wirkt das Koffein nach 20 bis 30 Minuten in doppelter Wirkung.
Darüber hinaus hilft körperliche Aktivität, zum Beispiel in Form von Kniebeugen oder Liegestützen.

DVR-report: Besonders gefährdet sind Lkw-Fahrende, die oft lange und monotone Strecken zurücklegen müssen. Sie schlafen auf den Rastplätzen und sind selbst nachts einem hohen Lärmpegel ausgesetzt. Gibt es eine Lösung für dieses Problem?
Dr. Weeß: Sie brauchen unbedingt bessere Schlafbedingungen. Sie sind Lärm, grellem Licht, Kälte oder Hitze und Frischluftmangel ausgesetzt, müssen zudem in engen Kabinen schlafen. Hilfreich wäre zum Beispiel eine Standklimaanlage zur Temperaturregelung im Führerhaus. Die Fahrer müssten auch Zusatzpausen einlegen dürfen, wenn sie müde sind, und nicht nur dann, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben sind. Hier müsste eine höhere Bereitschaft entwickelt werden, den Fahrern mehr Pausen zu gewähren, damit sie fit und ausgeruht unterwegs sind.
So ein 40-Tonner kann schon eine Waffe sein und die monotonen Fahrbedingungen erhöhen die Gefahr der Müdigkeit oder gar des Sekundenschlafes am Steuer. Moderne Assistenzsysteme wie Abstands- oder Spurhalter, Tempomat etc. sind Errungenschaften, die es dem Fahrer erleichtern, seinen Lkw zu führen. Auf der anderen Seite bergen die geringen Anforderungen während der Fahrt die Gefahr, am Steuer einzuschlafen. In einer Befragung haben 46 Prozent der Lkw-Fahrer angegeben, dass sie schon mindestens einmal am Steuer eingeschlafen sind.
Besonders die Fahrer, die auch mal ein Wochenende auf dem Rastplatz verbringen müssen, sollten die Möglichkeit haben, in einem richtigen Bett zu schlafen, weg von der Autobahn. Das wäre ein bedeutsamer Schritt in Richtung mehr Verkehrssicherheit.

DVR-report: Ist ein Schlafforscher immer ausgeschlafen?
Dr. Weeß: Nein, ist er nicht, weil Schlafprobleme und Schlafstörungen etwas Natürliches sind. Wenn wir uns in einer krisenhaften oder körperlichen Belastungssituation befinden, wenn wir Schmerzen haben, dann schlafen wir alle mal schlecht. Das gehört zum Leben dazu, das kann der menschliche Organismus aber auch ohne gesundheitliche Schäden gut wegstecken. Aber ich weiß um die Bedeutung des Schlafes, ich weiß auch, wie gutes Schlafen funktioniert und deshalb schlafe ich in der deutlich überwiegenden Zahl der Nächte sehr gut.

Interview: Sven Rademacher

Zur Person: Dr. Hans-Günter Weeß

Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut ist Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums des Pfalzklinikums Klingenmünster und Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM).

Dr. Weeß ist in der Aus- und Weiterbildung von Schlafmedizinern tätig und unterrichtet an verschiedenen Hochschulen. Darüber hinaus ist sein Wissen in der Expertenkommission der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) beim Thema Tagesschläfrigkeit innerhalb der Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung gefragt. Auch die gemeinsame Kampagne von DVR und DGSM „Vorsicht Sekundenschlaf!“ unterstützt er mit seiner Expertise.

Der Schlafforscher ist Autor zahlreicher Fachbücher und wissenschaftlicher Aufsätze. Sein aktuelles populärwissenschaftliches Buch „Schlaf wirkt Wunder“ ist bei Droemer und Knaur erschienen.
 

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