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Sicher unterwegs in Stadt und Dorf

DVR-Kolloquium zur Verkehrssicherheitsarbeit in den Kommunen

Wie sehen gute und sichere Straßen in Stadt und Dorf aus? Wie gestalten wir den urbanen Raum der Zukunft? Wie lässt sich die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Verbänden verbessern? Diesen und weiteren Fragen widmete sich das DVR-Kolloquium „Sicher unterwegs in Stadt und Dorf“ am 6. Dezember 2017 in Bonn, das von DEKRA und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) unterstützt wurde. Ideelle Partner der Veranstaltung waren der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB), der Deutsche Städtetag und der Deutsche Landkreistag.

Verbesserungspotenzial ausschöpfen
DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf unterstrich bei der Begrüßung der rund 100 Gäste das „Verbesserungspotenzial an vielen Stellen, das es auszuschöpfen gilt“. Er erwähnte die Regelwerke, die klare Vorgaben machen, wie Straßen dimensioniert sein müssen. Aber die praktische Umsetzung erfordere, die spezifischen Gegebenheiten vor Ort zu berücksichtigen. „Wenn es um die Planung sicherer Straßen und Plätze geht, werden Kompromisse eingegangen und Anpassungen vorgenommen. Da ist nicht nur die Kompetenz, sondern auch die Kreativität der Fachleute gefragt“, sagte Dr. Eichendorf. Im Vordergrund müssten Bemühungen stehen, die sogenannten „schwächeren“ Verkehrsteilnehmergruppen, Fußgängerinnen und Fußgänger, Radfahrerinnen und Radfahrer, Kinder und ältere Menschen, besser zu schützen.“

„Generell muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um klar zu machen, dass Geschwindigkeitsübertretungen keine Kavaliersdelikte sind und Überwachung keine Abzocke“, stellte Dr. Eichendorf fest. Es sei eine sehr gute Idee, die von verschiedenen Kommunen bereits umgesetzt werde, die Einnahmen aus der Verkehrsüberwachung vollständig in die Präventionsarbeit zu investieren. Damit könne die Akzeptanz für Überwachungsmaßnahmen deutlich erhöht werden.

Förderung des Radverkehrs
Timm Fuchs vom Deutschen Städte- und Gemeindebund sprach sich klar dafür aus, den Radverkehr zu fördern und den Autoverkehr zurückzudrängen: „Autostadt war gestern, die Stadt der Zukunft ist eine Fahrrad-City.“ Er sei ein Verfechter der grünen Welle für den Radverkehr sowie des grünen Rechtsabbiegerpfeils für Radfahrerinnen und Radfahrer. Darüber hinaus komme es auf gute Sichtbeziehungen an Kreuzungen und Einmündungen an. Und last but not least sei Verkehrsüberwachung ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer verbesserten Verkehrssicherheit.

Gute Straßen in Stadt und Dorf
Beispiele für gute Straßen in Stadt und Dorf präsentierte Professor Karl Heinz Schäfer von der Technischen Hochschule Köln. Er hat im Auftrag des DVR die ersten sieben Beispiele dokumentiert, die zeigen, wie ein ernsthaftes Bemühen um Funktion, Gestaltung und Sicherheit zu einer Verbesserung der Unfallbilanz führen kann. Unter www.dvr.de/publikationen/gutestrassen/beispielsammlung.html können die Praxisfälle, von Köln bis Cottbus und von Stralsund bis Schwetzingen, eingesehen und kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

Kolpingstadt Kerpen
Ein besonders positives Beispiel außerhalb der DVR-Sammlung ist die Kolpingstadt Kerpen, die 2016 mit dem Vision Zero Award von DEKRA ausgezeichnet wurde. Gewürdigt wurde, dass in Kerpen sechs Jahre in Folge keine Verkehrstoten zu beklagen waren. Guido Ensemeier, Abteilungsleiter Verkehrsplanung, stellte die beeindruckenden Maßnahmen der Stadt Kerpen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit vor. Hierzu zähle unter anderem die planfreie Querung einer Kreisstraße für den Radverkehr, die Umgestaltung von Straßen, zum Beispiel mittels nachgerüsteter Fahrbahnkissen zur Geschwindigkeitsreduzierung, die Einrichtung eines Kreisverkehrs und als Ergebnis der erfolgreichen Arbeit der Kinderunfallkommission der „Kinderzebrastreifen“.

Design Thinking als neuer Weg
Um das Lernen am Modell geht es beim Design Thinking, einem neuen Weg in der Verkehrssicherheitsarbeit, den Professor André Bresges, Geschäftsführender Direktor am Institut für Physikdidaktik an der Universität zu Köln, vorstellte: „Wenn ich an einem Modell, einem Prototyp, arbeite, habe ich jederzeit die Möglichkeit, Veränderungen im Verkehrsablauf vorzunehmen.“

Neben baulichen Maßnahmen sei es aber auch wichtig, zu wissen, wie der Mensch Informationen aufnimmt und verarbeitet. In diesem Zusammenhang spiele das Wechselspiel zwischen Tiefenperson und Ichperson eine wichtige Rolle. „Die Tiefenperson ist stark von Emotionen beeinflusst und wird vom sogenannten Reptilienkomplex im Gehirn gesteuert, und ist nicht für rationale Argumente erreichbar“, sagte der Physiker. Deshalb sei Verkehrsüberwachung so notwendig, denn die negative Auswirkung eines geahndeten Geschwindigkeitsverstoßes zum Beispiel käme selbst bei der Tiefenperson an.

Entscheider überzeugen
Im Fokus des Podiumsgespräches standen die Schnittstellen zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Verbänden und die zentrale Frage, wie die Zusammenarbeit auf den verschiedenen Ebenen verbessert werden kann.

Der ehemalige Bundesverkehrsminister Professor Kurt Bodewig, Präsident der Deutschen Verkehrswacht und DVR-Vizepräsident, erwähnte das ehrenamtliche Engagement der Verkehrswachten und die gute Mitarbeit in den Unfallkommissionen vor Ort. Diese seien ein gutes Instrument, um Unfallschwerpunkte zu entschärfen. Unterstützt wurde er von Jürgen Menge vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz, der sich allerdings klar dafür aussprach, die Unfallkommissionen ausreichend mit Geld auszustatten. In diesem Zusammenhang wies Christian Weibrecht, Unterabteilungsleiter im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, darauf hin, dass die Einrichtung von Unfallkommissionen eine gesetzliche Verpflichtung sei.

Darüber hinaus kritisierte Menge, dass die Rahmenvorgaben in den bekannten Regelwerken nicht in Gänze in die Praxis umgesetzt würden.

Für eine höhere Flexibilität in der Neuaufteilung des Verkehrsraums sprach sich Thomas Kiel vom Deutschen Städtetag aus.

Mit Blick auf die Investitionsmittel, die der Bund den Ländern und Kommunen zur Verfügung stellt, meinte Weibrecht: „Die Mittel stehen zur Verfügung, sie müssen nur angefordert werden.“ Timm Fuchs vom DStGB plädierte dafür, das „Schwarzer Peter-Spiel“ zu beenden: „Eine gegenseitige Schuldzuweisung hilft uns in der Verkehrssicherheitsarbeit nicht weiter.“ Er verwies auf positive Paradebeispiele wie das in Kerpen. Am Ende käme es darauf an, die Entscheider in den Kommunen von guten Konzepten und Planungen zu überzeugen.

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