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Journal

 

„Deine Wege“: Interaktive Ausstellungseinheit im Einsatz

Verkehrssicherheit zum Mitmachen

Von Ralf Bußmann

Kernbotschaften zur Verkehrssicherheit lassen sich besonders wirksam über Erlebnisse und Erfahrungen vermitteln. Die neue interaktive Ausstellungseinheit des DVR verfolgt deshalb einen spielerischen Ansatz mit Aufmerksamkeit, Bewegung und Spaß. Die Einheit kann beim DVR ausgeliehen werden und richtet sich in erster Linie an Betriebe und öffentliche Einrichtungen, die ihren Beschäftigten einen neuen Zugang zu den Themen Sicherheit im Straßenverkehr, Mobilität sowie Gesundheit ermöglichen wollen. „Die interaktive Ausstellungseinheit unterstützt Unternehmen und öffentliche Einrichtungen dabei, das Thema der sicheren Mobilität für die Belegschaft aktiv und erlebnisreich auf den Punkt zu bringen“, fasst der Mitentwickler beim DVR, Rudolf Bergen, das Ziel dieser Einheit zusammen.

Zur Auswahl stehen vier Basis- und zwei Zusatzmodule, die sich individuell kombinieren lassen. Kernmotiv der interaktiven Ausstellungseinheit ist ein Würfel, der als Baustein in unterschiedlichen Größen und Farben die verschiedenen Formen der Mobilität darstellt.

Das Basismodul „Mobile Videoeinheit“ besteht aus einem 55-Zoll-Flachbildschirm, der drahtlos über zwei WLAN-fähige Tablet-PCs mit multimedialen Inhalten zur Verkehrssicherheit bespielt werden kann. Die Tablet-PCs werden in hochwertigen Bodenständern geliefert und lassen sich optional mit Kopfhörern nutzen. Verkehrssicherheit zum Anfassen bietet der Verkehrstisch auf Rollen. Auf einer Nutzfläche von 80 mal 80 Zentimetern lassen sich individuelle Verkehrssituationen mit Figuren und Modellfahrzeugen im Maßstab 1:42 darstellen und diskutieren. „Dieser Verkehrstisch bietet die Chance, durch Nachstellung nicht eindeutiger Verkehrssituationen sofort in eine offene Diskussion mit mehreren Beschäftigten zu treten und dabei unterschiedliche Meinungen kennenzulernen, die in alltäglichen Situationen vertreten sind“, stellt Kay Schulte, Referatsleiter Unfallprävention – Wege und Dienstwege beim DVR, fest. Passend zum Tisch ist als weiteres Basismodul eine Sitzgruppe aus bis zu sechs Sitzwürfeln im Mobilitäts-Design erhältlich. Eine Infotheke mit aktuellen Medien zu gewünschten Themen rundet das Angebot der Basismodule ab.

Als Zusatzmodul steht ein Parcours bereit, der mittels „Rauschbrille“ und in verschiedenen Balance- und Geschicklichkeitsübungen die Wirkung von Alkohol auf die Wahrnehmung simuliert. Aufbauend auf dem Basismodul „Mobile Videoeinheit“ kann außerdem ein interaktives Multimedia-Quiz samt Abstimmungssystem hinzugebucht werden.

Weitere Informationen rund um die Interaktive Ausstellungseinheit „Deine Wege“ sind im Referat Unfallprävention Wege und Dienstwege, Tel. 030/2266771-24 /-25 und unter www.deinewege.info/aktionen erhältlich.

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Fit genug für den Straßenverkehr?

DVR-Presseseminar zum Einfluss von Wetter, Schlaf und Gesundheit

Von Klaus Schuh

Aufgrund von besonderen Wetterbedingungen, Schlafstörungen und gesundheitlichen Einschränkungen ereignen sich jedes Jahr viele Verkehrsunfälle, bei denen Menschen getötet oder schwer verletzt werden. Wie wirken Wetter, Witterung und Klima auf Menschen? Welche Erkrankungen sind nicht vereinbar mit der Teilnahme am Straßenverkehr? Und welche Möglichkeiten gibt es, trotz ungünstiger äußerer Bedingungen sicher unterwegs zu sein? Diesen und weiteren Fragen widmete sich das Presseseminar des Deutschen Verkehrssicherheitsrates am 13. und 14. Juni 2017 in Marburg an der Lahn.

Auswirkungen des Wetters

Einen Einstieg in das Thema lieferte Prof. Andreas Matzarakis vom Deutschen Wetterdienst. In seinem Vortrag: „Kopfweh für Menschen“ fragte er nach den Auswirkungen des Wetters auf den Organismus. Zunächst einmal sei zu unterscheiden zwischen Wetter, Witterung und Klima. Während es sich beim Wetter um den augenblicklichen atmosphärischen Zustand mehrerer Tage handele, bezeichne der Begriff Witterung die Bedingungen mehrerer Wochen. Beim Klima hingegen gehe es um erheblich längere Zeiträume, typischerweise um drei Jahrzehnte. Die Auswirkungen der Zustände der Atmosphäre seien sehr komplex. Man könne nicht einen Faktor isoliert betrachten, sondern müsse das Kollektiv im Auge behalten. Beispielweise seien Veränderungen der Temperatur immer auch in Verbindung mit dem Wind und der Sonnenexposition zu sehen. Die atmosphärischen Zustände wirkten unter anderem über die Haut, die Augen und die Atmung auf den Menschen ein. Bekannt und belegt seien die negativen Auswirkungen von Hitzewellen auf die Gesundheit des Menschen. Zu berücksichtigen seien auch Partikel und Gase, die über die Atmung aufgenommen werden. „Spektakulärstes Beispiel bilden der Feinstaubalarm in Städten und die erhöhten Ozonkonzentrationen während des Sommers. Prinzipiell gibt es aber auch Wettersituationen und Wetterlagen, bei denen das Wetter auch einen positiven Einfluss auf die Menschen hat“, sagte der Meteorologe.

Dr. Hartmut Kerwien (Institut für angewandte Verkehrspädagogik, Herford) beschrieb in seinem Vortrag „Je schöner – desto schlechter?“ die Auswirkungen des Wetters auf die Verkehrssicherheit. Wie sich der Mensch verhalte, hänge nicht zuletzt von seiner individuellen Risikobeurteilung ab: Wie gut glaube ich die Gefahren unter Kontrolle zu haben? Wie viel Angst habe ich davor, dass eine kritische Situation eintritt? Das seien Fragen, die in die Handlungsentscheidungen einflössen. „Eine Rolle spielt aber auch, ob die Gefahren dem Einzelnen bekannt sind, ob er es gewohnt ist, mit Gefahren umzugehen, ob er sich freiwillig oder gezwungenermaßen in der Situation befindet“, erläuterte der Psychologe. Dass die Risikowahrnehmung und Risikobewertung von Verkehrsteilnehmenden fehlerbehaftet sei, lasse sich anhand eines Abgleichs zwischen der Häufigkeit bestimmter wetterbedingter Unfallursachen und deren subjektiver Bewertung erkennen. So werde die Unfallursache Regen, die in der offiziellen Statistik an erster Stelle stehe, von Verkehrsteilnehmenden in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt. Andere würden sogar kaum beachtet, wie zum Beispiel Blendung durch die Sonne. Neben diesen Auswirkungen des Wetters könnten durch bestimmte Wetterphänomene Stimmungen und Befindlichkeiten beeinflusst werden, die sich dann wiederum auf die Verkehrssicherheit negativ auswirkten. „Dies gilt vor allem für große Temperaturschwankungen, schnelle Luftdruck- und Luftmassenwechsel und hohe, insbesondere feuchtwarme Temperaturen“, erklärte Kerwien. Bei Verkehrsteilnehmenden, die gereizt oder vom Wetter gestresst fahren, werde dann ein „Programm“ aktiviert, welches quasi automatisch ablaufe. Allerdings sei ein herannahendes Unwohlsein körperlich spürbar. Eine gewisse Achtsamkeit vorausgesetzt, könne man dem zum Beispiel durch bewusstes Atmen oder progressive Muskelentspannung entgegenwirken.

Schwerpunktaktion

Michael Heß (Verkehrssicherheit Konzept & Media, Bonn) und Dr. Markus Wyrwich (SW Media, Berlin) stellten die aktuelle Schwerpunktaktion vor, die von den Unfallkassen, den Berufsgenossenschaften und dem DVR am 1. Juni 2017 gestartet wurde. Die Aktion soll für Risiken bei verschiedenen Wetterbedingungen sensibilisieren und Lösungsansätze für das verantwortungsvolle Bewältigen von gefährlichen Verkehrssituationen bieten. Die Internetseite www.risiko-check-wetter.de sowie drei Broschüren richte sich an Menschen, die mit Pkw und Motorrädern, Transportern und Lkw, mit Fahrrädern oder zu Fuß unterwegs seien. „Man findet dort praxisbezogene Tipps, wie man gefährliche wetterbedingte Situationen rechtzeitig erkennen und durch richtige Entscheidungen den Gefahren entgegenwirken kann“, sagte Heß. Zur Aktion gehöre ein Gewinnspiel im Internet, das mit attraktiven Preisen lockt. Personen, die Seminare oder Unterweisungen in Betrieben, Schulen oder Fahrschulen durchführen, könnten auf ausgearbeitete Seminarmaterialien zurückgreifen, in denen das Thema zielgruppengerecht aufbereitet worden sei. Die Referenten zeigten unter anderem das Aktionsvideo, in dem der bekannte Wettermoderator Sven Plöger mitspielt. In einem kurzen Beitrag über die Herstellung dieses Videos erläuterte Dr. Wyrwich, wie der spektakuläre Stunt, bei dem sich ein Pkw aufgrund einer wetterbedingten Fehleinschätzung überschlägt, entstanden ist. Das Video fand, insbesondere aufgrund seiner emotionalen Ansprache, großen Anklang unter den Anwesenden.

Schlaflose Gesellschaft

Dr. Hans-Günter Weeß vom Interdisziplinären Schlafzentrum des Pfalzklinikums Klingenmünster, referierte unter dem Titel „Die schlaflose Gesellschaft“ darüber, wie der Schlaf die Leistungsfähigkeit und die Verkehrssicherheit beeinflusst. Wie viel Stunden Schlaf man brauche, könne man nicht pauschal beantworten. Wenn man tagsüber wach, emotional ausgeglichen und leistungsfähig ist, dann sei der Schlaf auch ausreichend gewesen. Die durchschnittliche Schlafdauer sei bei den 45- bis 54-Jährigen am niedrigsten. „Arbeit, Karriere, Hausbau, Kinder – man macht unheimlich viele Dinge und hat keine Zeit zum Schlafen“, war die Erklärung des Referenten. Die industrielle Entwicklung sei mit der Einführung der Schichtarbeit einhergegangen, dafür zahlten wir einen hohen Preis – der Unternehmer in Nachtzuschlägen, der Arbeitnehmer in erhöhten Krankheitsraten. „Wir leben zunehmend in einer Nonstop-Gesellschaft. Die neuen Medien machen es möglich, dass wir rund um die Uhr aktiv sind“, stellte Dr. Weeß fest. Wer das Handy nachts neben oder sogar im Bett habe, schlafe schlechter als jemand, der das Gerät in einem anderen Raum ablegt. Gerade bei jungen Menschen spräche die Chronobiologie für ein späteres Aufstehen. Eine Bildungsoffensive müsste zunächst einmal den Schulbeginn auf einen späteren Zeitpunkt legen. Die Schlafdauer beeinflusse auch die Lebenserwartung, sowohl zu viel als auch zu wenig Schlaf wirke sich lebensverkürzend aus. Folgen von Schlafmangel seien zum Beispiel Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen. „Schlaf ist gesund, wie unsere Eltern und Großeltern immer gesagt haben – das stimmt“, sagte Dr. Weeß. Die volkswirtschaftlichen Kosten von Schlafstörungen in Deutschland seien immens. Schläfrigkeit sei häufiger für tödliche Unfälle verantwortlich als Alkohol.

Anna-Sophie Börries (DVR) informierte über die Kampagne „Vorsicht Sekundenschlaf“. Rund 20 Prozent der Autofahrenden seien schon einmal am Steuer eingeschlafen, Männer etwa doppelt so häufig wie Frauen. Dies sei das Ergebnis einer Umfrage, die im Auftrag des DVR durchgeführt wurde. Autofahrende überschätzten ihre Fähigkeiten: Sie glaubten, Müdigkeit durch ihre Erfahrung ausgleichen zu können, ignorierten die Müdigkeit und führen weiter. Viele setzten auf die falschen „Tricks“ wie zum Beispiel geöffnete Fenster, koffeinhaltige Getränke oder lautere Musik. „Autofahrer machen zu spät Pause“, stellte Börries fest. Der DVR habe daher im Dezember 2016 mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und weiteren Partnern die Kampagne „Vorsicht Sekundenschlaf“ ins Leben gerufen. Die Kampagne bestehe aus umfangreicher Presse- und Öffentlichkeitsarbeit über verschiedene On- und Offline-Kanäle. Gemeinsam mit dem Automobilclub Verkehr (ACV) seien kurze Clips für Facebook produziert worden. Gemeinsam mit der Berufsgenossenschaft Nahrung und Gaststätten (BGN) wurden sogenannte Schlaftankstellen entwickelt, um Veranstaltungsteilnehmende auf die Relevanz von Pausen bei Veranstaltungen, aber auch beim Autofahren hinzuweisen. Die Kampagne werde in diesem Jahr fortgesetzt, erstmals werde sie von der Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) finanziell unterstützt.

Fahrtüchtigkeit

Sabine Herzberg (Leitende Ärztin beim TÜV Thüringen) referierte über die Frage „Wie krank darf man sein, um ein Kraftfahrzeug zu führen?“ Das individuelle Recht auf Mobilität stehe im Spannungsfeld zur Pflicht zur Selbstprüfung. Nach der EU-Studie IMMORTAL erhöhten Erkrankungen das Unfallrisiko um durchschnittlich 33 Prozent. Verkehrsteilnehmende hätten die Pflicht zur Selbstüberprüfung, der behandelnde Arzt habe die Pflicht zur Aufklärung über die Fahrtüchtigkeit. Der Verkehrsmedizinische Gutachter orientiere sich an der Anlage 4 zur Fahrerlaubnisverordnung (FeV) sowie an den Begutachtungsleitlinien. „Man unterscheidet zwischen Fahreignung, mit der die zeitliche unbegrenzte Fähigkeit zum Führen eines Kfz gemeint ist, und der Fahrtüchtigkeit, bei der es um die momentane Fähigkeit geht“, erklärte Herzberg. Bei einer bedingten Eignung sei die Fahrfähigkeit an die Beachtung von Auflagen und Beschränkungen gebunden. In der FeV werde hinsichtlich der Anforderungen je nach Fahrzeugklasse unterschieden. Bei der Personenbeförderung seien zusätzliche Voraussetzungen zu beachten. Entsprechend der Begutachtungsleitlinien läge eine Fahreignung nur dann vor, wenn aufgrund des individuellen körperlich-geistigen Zustands keine Verkehrsgefährdung zu erwarten sei.

Ältere Menschen

Dr. Manfred Gogol (Klinik für Geriatrie, Cloppenbrügge) widmete seinen Vortrag der Frage „Sind die Alten wirklich ein Problem?“. Das eigene Kraftfahrzeug bedeute selbstbestimmte Mobilität, nicht nur in ländlichen, sondern auch in städtischen Regionen. Der Anteil Älterer an den Unfallbeteiligten sei angesichts ihres Anteils an der Bevölkerung unterproportional. „Allerdings treten über 75-Jährige häufiger als Hauptverursacher eines Unfalls in Erscheinung, wobei eine geringe jährliche Fahrleistung das Unfallrisiko weiter erhöht“, erläuterte der Mediziner. Die sensorische und kognitive Leistung mache zusammen rund 90 Prozent der Fahrleistung aus. Älter werden sei verbunden mit einer Verschlechterung der Seh- und Hörfähigkeit sowie mit motorischen Einbußen. Auch bei den kognitiven Fähigkeiten sei ein Nachlassen zu verzeichnen, beispielsweise bei der visuellen Aufmerksamkeit, der Dualtask- und Multitask-Leistung sowie der psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegen Reizüberflutung. Möglichkeiten zur Risikosenkung lägen zum Beispiel in Informationskampagnen, einer besseren Verkehrs- und Umgebungsgestaltung, der Reduktion irrelevanter Information sowie in der Fahrzeugtechnik. Zusammenfassend beantwortete Dr. Gogol die Eingangsfrage: „Ältere sind überwiegend keine Gefahr im Straßenverkehr, aber die, die es sein könnten, sind schwierig zu identifizieren und die Defizite nur aufwändig auszugleichen.“

Fahrerassistenzsysteme

Dr. Stefan Brosig (Volkswagen AG) informierte in seinem Vortrag „Die heimlichen Helfer“ darüber, wie die Fahrzeugtechnik Menschen bei widrigen Witterungsbedingungen, körperlichen Einschränkungen und Müdigkeit unterstützen kann. „Die Zahl der Getöteten und Schwerstverletzten in Unfällen mit Pkw-Beteiligung könnte um 90 Prozent reduziert werden, wenn alle Fahrzeuge mit maximaler Sicherheitsausstattung ausgerüstet wären“, beschrieb der Experte das Sicherheitspotenzial. 520 Personen könnten gerettet werden, wenn es gelänge, Unfälle infolge von eingeschränkter Fahrtüchtigkeit durch Alkohol, Drogen, Übermüdung und Ablenkung zu verhindern. 320 Todesopfer könnten allein durch intelligente Geschwindigkeitsanpassung wie zum Beispiel vorausschauendes ESP vermieden werden, ebenso viele durch Ausstattung aller Fahrzeuge mit Gurt-Interlock-Systemen. Dr. Brosig stellte einige Fahrerassistenzsysteme vor, die bei den eingangs genannten Bedingungen hilfreich sein können: „Der Emergency Assist II steuert das Fahrzeug bei einem medizinischen Notfall auf den Seitenstreifen. Der Müdigkeitsassistent meldet, wenn eine Pause nötig ist, wobei die Erkennung des Fahrerzustands durch eine Analyse von Pedal- und Lenkbewegungen sowie der Längs- und Querbeschleunigung erfolgt.“ Somit wirke er gleichzeitig auch als Aufmerksamkeitsassistent. Das System „Dynamic Light Assist“ steuere selbsttätig das Auf- und Abblenden, wenn Fahrzeuge entgegenkommen und sorge so für eine gute Ausleuchtung des Bereichs vor dem Fahrzeug. „Area View“ beobachte den Raum um das Fahrzeug, sodass Hindernisse im eingeschränkten Sichtbereich erkannt werden könnten. Die Frontkamera erfasse einen Winkel von 180 Grad und könne daher gewissermaßen „um die Ecke“ sehen. Damit möglichst viele Fahrzeuge mit diesen Systemen ausgestattet werden, sei eine „Demokratisierung“ der Fahrerassistenzsysteme nötig, wobei Staat, Hersteller und Kunden zusammenarbeiten müssten.

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„Auf unseren Straßen sind wir außer Rand und Band“

Bundeskongress Kommunale Verkehrssicherheit

Mit deutlichen Worten beschrieb Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), die Notwendigkeit konsequenter Geschwindigkeitsüberwachung: „Auf unseren Straßen sind wir außer Rand und Band, zu viele Verkehrsteilnehmer wollen die Regeln nicht befolgen.“ Er wehre sich entschieden dagegen, dass in Teilen der Medien und Politik die Geschwindigkeitsüberwachung mit Begriffen wie „Abzocke“ oder „Wegelagerei“ diskreditiert werde.

Zudem müsse die öffentliche Infrastruktur sinnvoll und nachvollziehbar gestaltet werden, sagte Wendt vor rund 100 Teilnehmenden des ersten „Bundeskongresses Kommunale Verkehrssicherheit“ des Behörden Spiegels in Bonn. Unterstützt wurde der Kongress, der künftig jährlich stattfinden soll, von Jenoptik und Vitronic.

Der oberste Polizeigewerkschafter sprach sich ferner dafür aus, die Halterhaftung auch im fließenden Verkehr einzuführen. Die Bußgelder, die in die Kassen der Kommunen gespült werden, sollten in Maßnahmen der Verkehrssicherheitsarbeit investiert werden.

Als „das gefährlichste Stück Technik, das der Mensch je entwickelt hat“, bezeichnete Professor André Bresges, Geschäftsführender Direktor am Institut für Physikdidaktik der Universität Köln, das Kraftfahrzeug (siehe auch das Interview in dieser Ausgabe auf den Seiten 28 ff.). Der Mensch sei nicht dafür geschaffen, ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit zu bewegen. Gleichzeitig betrachte der Mensch das Autofahren nicht als risikoreich. „Dieses subjektive Sicherheitsgefühl ist sehr gefährlich“, stellte der Wissenschaftler fest. Geschwindigkeitskontrollen gehörten deshalb überall hin.

Verkehrssichere Städte

Die Verkehrssicherheit innerorts müsse stärker in den Fokus gerückt werden, meinte Carsten Hansen vom Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB). Mehr als 70 Prozent der Fußgängerinnen und Fußgänger sowie über 60 Prozent der Radfahrenden kämen in den Städten und Gemeinden ums Leben. Im aktuellen Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) haben zwar 38 Prozent der Befragten angegeben, das Rad regelmäßig zu nutzen, allerdings fühlen sich 61 Prozent nicht sicher auf dem Sattel. 71 Prozent haben angegeben, das liege an der Infrastruktur. „Das ist ein Alarmzeichen“, sagte Hansen. „Die verkehrssichere Stadt ist die, in der Menschen von acht bis 80 selbstständig gefahrlos mobil sein können.“

Einen Einblick in die Praxis der mobilen Geschwindigkeitsüberwachung in einer Kommune gab Carsten Sperling, für Ordnungswidrigkeiten zuständiger Abteilungsleiter der Bundesstadt Bonn. Derzeit gebe es rund 250 Messstellen im Bonner Stadtgebiet, und zwar an sogenannten Gefahrenstellen. Zudem seien vier mobile Messwagen im Einsatz. „Die Messstellen werden nach Empfehlungen der Unfallkommissionen, Hinweisen der Straßenbaulastträger und der Polizei aufgrund von Unfalllagebildern und Bürgerbeschwerden bestimmt“, erklärte Sperling. Neuerdings werde auch ein semi-stationärer kompakter Blitzanhänger eingesetzt, der im Jahr 2016 rund 18.500 Geschwindigkeitsverstöße registriert habe.

Illegale Autorennen

Auf eine besonders gefährliche Form der Geschwindigkeitsübertretung ging Rainer Fuchs, Leiter der Sondereinheit zur Verfolgung illegaler Autorennen der Kölner Polizei, ein. „Diese Täter, meist junge Fahranfänger mit stark motorisierten Fahrzeugen, haben keinerlei Gefahrenbewusstsein und gefährden Menschenleben“, betonte der Polizist. Die Fahrzeuge seien zudem illegal getunt. „Von 650 sichergestellten Fahrzeugen, die an verbotenen Straßenrennen beteiligt waren, waren rund 90 Prozent nicht verkehrssicher unterwegs“, erläuterte Fuchs. Meist handele es sich um Veränderungen am Fahrwerk.

Was ist zu tun? Eine gute Netzwerkarbeit sei entscheidend, sagte Fuchs. Justiz und Verwaltung müssten Hand in Hand arbeiten. Eine präventive Maßnahme der Kölner Polizei, eine sogenannte Gefährderansprache, sei eher wirkungslos verpufft. Es seien 160 Gefährder angeschrieben worden, ganze zwei hätten überhaupt reagiert. „Diese Leute sind über solche präventiven Maßnahmen nicht zu packen.“

Über einige Erfolge auf dem Weg zur Vision Zero, einem Straßenverkehr mit immer weniger Getöteten und Schwerverletzten, konnte hingegen Walter Niewöhner von der DEKRA-Unfallforschung berichten. „In einigen Städten ist die ‚Vision Zero‘ – zumindest für einzelne Jahre – bereits in Erfüllung gegangen“, sagte Niewöhner und nannte exemplarisch Aachen, Mönchengladbach, Leverkusen, Göppingen und Frankfurt an der Oder.

Section Control

Abschließend stand die Technik im Vordergrund. Gerrit Palm von Jenoptik Traffic Solutions stellte das Modell der „Section Control“ (die sogenannte Abschnittskontrolle, bei der die Geschwindigkeit nicht an einem bestimmten Punkt, sondern die Durchschnittsgeschwindigkeit über eine längere Strecke gemessen wird) vor. Dieses System habe bereits in Österreich, den Niederlanden und Großbritannien positive Effekte auf die Entwicklung der Unfallzahlen gezeigt. „In England ist dieses System seit über 20 Jahren im Einsatz, jede Baustelle wird dort mittels ‚Section Control‘ überwacht“, erklärte der Experte. Sein Unternehmen betreut das Pilotprojekt auf einer drei Kilometer langen Strecke der Bundesstraße 6 in der Region Hannover bei Laatzen. In Deutschland habe bislang der Datenschutz einen Einsatz verhindert. „Dabei findet Section Control in der Bevölkerung eine noch höhere Akzeptanz als die stationäre Überwachung“, unterstreicht Palm.

Die Funktionsweise des sogenannten Enforcement Trailers, ein Anhänger zur semi-stationären Geschwindigkeitsüberwachung, erläuterte Tommi Savic-Hofer von Vitronic. Derzeit sei der Trailer zum Beispiel in Mannheim und Rheinland-Pfalz zur Überwachung im Einsatz.

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