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Bäume an Landstraßen?

21. DVR-Forum „Sicherheit und Mobilität“

Bäume am Straßenrand sind eine unterschätzte Gefahr. Nur 13 Prozent der motorisierten Verkehrsteilnehmer halten sie für gefährlich. Dabei sind von 3.339 Menschen, die in Deutschland im Jahr 2013 im Straßenverkehr ihr Leben gelassen haben, 507 im Zusammenhang mit einem Aufprall auf einen Baum an Landstraßen tödlich verunglückt. 3.990 Verkehrsteilnehmer wurden schwer verletzt, das sind 16 Prozent aller Schwerverletzten auf Landstraßen. Seit 1995, in diesem Jahr wurde die „Baumunfallstatistik“ eingeführt, haben knapp 22.000 Menschen ihr Leben durch Baumunfälle auf Landstraßen verloren.

Doch welche Maßnahmen zum Schutz vor Baumunfällen sind effizient und effektiv? Sind Alleenschutz und Verkehrssicherheit überhaupt vereinbar? Diese und weitere Fragen standen am 16. Juni 2015 im Mittelpunkt des 21. Forums „Sicherheit und Mobilität“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) in Köln. Das Forum fand mit fachlicher Begleitung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) statt und wurde durch den Industrieverband Stahlverarbeitung (IVS) und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) unterstützt.

Dilemma-Situation

„Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer verantwortlichen Position bei einem Straßenbaulastträger. Sie lieben die Natur und somit auch Bäume an Straßen. Zugleich sind Sie mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet. Ihre Liebe zur Natur verbietet es Ihnen einerseits, Bäumen unnötigen Schaden zuzufügen. Doch andererseits können Sie ‚sehen‘, wie in naher Zukunft eine Mutter mit ihrem Sohn einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweicht und mit ihrem Auto gegen einen Baum prallt. Was würden Sie tun? Diesen Baum opfern – oder das Leben der beiden Fahrzeuginsassen? Sie alle würden sich für den Schutz von Mutter und Sohn entscheiden, da bin ich mir sicher. Was aber ist, wenn ich das Dilemma anders formuliere? Sie sind in einer verantwortlichen Position bei einem Straßenbaulastträger und können ‚sehen‘, dass ein mehrfach auffälliger, unverbesserlicher Raser angetrunken und mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Baum prallt. Die Entscheidung, den Baum für diesen Menschen zu opfern, fällt deutlich schwerer, stimmt’s? Aber dürfen wir uns anmaßen, darüber zu entscheiden?“ Mit dieser klassischen Dilemma-Situation begrüßte DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf die rund 120 Teilnehmer des Forums.

Bäume böten Menschen und Tieren Schutz, hätten eine wirtschaftliche Bedeutung und seien Symbole des Lebens, der Stärke und der Harmonie. Der DVR-Präsident machte jedoch deutlich, dass es beim Thema „Bäume an Landstraßen“ nicht nur um schützenswerte Natur, sondern immer auch um Menschenleben gehe.

Volker Goergen, Geschäftsführer des Industrieverbands Stahlverarbeitung, demonstrierte durch Videos von Crash-Tests aus Schweden, wie gefährlich ein Aufprall auf einen Baum sein kann. Und das bereits bei 50 km/h. Bei Tempo 70 oder gar 90 gebe es keine Überlebenschance, das zeigten die Bilder sehr eindrücklich. Man könne die gefahrenen Geschwindigkeiten deutlich senken, dies führe aber zu Akzeptanzproblemen bei den Fahrern. Seitens der Industrie würden Schutzsysteme angeboten, die in der Lage seien, Fahrzeuge wirksam von einem Baum abzulenken.

„Nicht jeder Baum ist ein Denkmal“

Professor Reinhold Maier von der Technischen Universität Dresden fragte in seinem Vortrag nach den historischen Gründen, warum es Straßenbäume gebe. Die Diskussion unter den Straßenbauern über Vor- und Nachteile sei kontrovers verlaufen. Verkehrsunfälle als Kriterium seien erst vergleichsweise spät in die Diskussion einbezogen worden. In früheren Zeiten seien Straßen durch Waldgebiete wegen der Gefahr von Überfällen nicht beliebt gewesen, auch die Begrenzung der für die Fahrzeuge zur Verfügung stehenden Breite sei als Nachteil empfunden worden. Die meisten Alleen seien angelegt worden aus Gründen der Ästhetik und räumlichen Orientierung, sie führten auf etwas hin, dem Bedeutung zugemessen wurde.

Diese Gründe erschienen heute nicht mehr zeitgemäß. Ein wichtiger Aspekt sei die Frage der der Straßenbreite. Untersuchungen zeigten, dass zwar die Zahl der Unfälle durch größere Abstände zwischen Fahrbahn und Bäumen abnehme, die Unfallschwere jedoch hoch bleibe.

„Was wir wirklich tun müssen, ist uns mit der Problematik konstruktiv auseinanderzusetzen und in historischen Alleen Menschen und Bäumen zu schützen“, forderte der Experte. Es müsste zwischen den Belangen des Naturschutzes und der Verkehrssicherheit abgewogen werden: „Nicht jeder Baum ist ein Denkmal.“ In Waldstrecken solle für mehr Abstand gesorgt werden. Ein Baum erwarte rund alle 300 Jahre einen Unfall, aber bei einer Allee mit 300 Bäumen bedeute dies jedes Jahr einen schweren Unfall. Neue Alleen an Rad-(Wander)wegen und Bachläufen seien sinnvoll, neue Straßen sollten jedoch ohne Alleen angelegt werden.

Alleen als Kulturerbe

„Alleen sind auch ein Natur- und Kulturerbe“, sagte Christoph Rullmann, Bundesgeschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Alleen hätten in der „ausgeräumten Landschaft“ vernetzende Funktionen, seien aber auch direkt Lebensraum vieler teilweise gefährdeter Tiere und Pflanzen.

Als Kulturerbe seien Alleen Teil der Gartenkunst und historisch oft Ausdruck des Machtanspruchs der Herrschenden gewesen. Alleen könnten Geschichte erlebbar machen. Je nach Region finde man in Deutschland verschiedene Ausprägungen, zum Beispiel als Obstbaum- oder Ahorn-Alleen.

„In vielen Regionen hat man den hohen Wert von Alleen für den Tourismus erkannt, hier setzen zahlreiche regionale und bundesweite Projekte und Initiativen an“, erläuterte er. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald fordere unter anderem den flächendeckenden Schutz aller Alleen in den entscheidenden Gesetzen und eine Eins-zu-Eins-Nachpflanzung, wenn Bäume gefällt wurden.

Einsatz von Schutzeinrichtungen

Für mehr Verkehrssicherheit trotz Bäumen am Straßenrand sprach sich Uwe Ellmers von der BASt aus. „Maximale Geschwindigkeit, maximale Sicherheit und die Erhaltung aller Bäume ist gleichzeitig nicht möglich“, stellte er fest.

Er wies auf die hohe Anzahl von Landstraßenunfällen mit Baumaufprall hin. Bei diesem Unfalltyp sei die Schwere besonders hoch. Ellmers stellte die RPS 2009 „Richtlinie für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeugrückhaltesysteme“ vor, bei der die Gefahrenvermeidung einen wichtigen Stellenwert habe.

„Der Einsatz von Schutzeinrichtungen hilft, ist aber nur ein Mittel unter mehreren“, sagte er. Die RPS 2009 definiere Abstände bei verschiedenen Geschwindigkeiten, bei denen auf Schutzeinrichtungen verzichtet werden könne, und gebe Hinweise zum Einsatz von Schutzeinrichtungen bei besonderer Gefährdung der Fahrzeuginsassen.

Katharina Brückmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) unterstrich, dass die Alleen als Kulturerbe und Teil unserer Identität unbedingt erhalten werden müssten. Der kulturhistorische Wert, der Beitrag zur Artenvielfalt und zur Luftreinigung sowie der zur Verkehrssicherheit stelle einen hohen Wert dar.

Die RPS 2009 ziele auf Hindernisfreiheit von Straßen durch Fällen von Bäumen, durch größere Abstände zwischen Straßen und Bäumen sowie die Errichtung von Schutzeinrichtungen. Die nötigen Flächen für größere Abstände stünden den Baulastträgern jedoch meist nicht zur Verfügung und der Erwerb dieser Flächen sei äußerst schwierig.

Brückmann empfahl ein „Risikomanagement in verhältnismäßiger und ausgewogener Art“ durch Senkung der Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h, durch Vermeidung von Alkohol im Straßenverkehr und durch Verkehrsschulungen. Der BUND setze sich dafür ein, die Alleenlandschaft zu erhalten und kontinuierlich neue Alleen zu pflanzen.

Kontroverse Debatte

In der anschließenden von Steffi Neu moderierten Podiumsdiskussion wurde deutlich, wie stark das Thema „Bäume an Landstraßen“ polarisiert. „Aus meiner Sicht ist es nicht nur verfassungswidrig, sondern geradezu kriminell, aus einer sicheren Straße durch Neuanpflanzung eine unsichere zu machen“, erklärte Professor Gerrit Manssen, Verfassungsrechtler an der Universität Regensburg.

Dem entgegnete Cornelia Behm, Vorsitzende der Alleenschutzgemeinschaft, Bäume ständen am Rand und nicht auf der Straße. Vielmehr müssten die Unfallursachen angegangen werden. „Warum kommen Menschen von der Straße ab? Diese Frage ist zu klären“, sagte die ehemalige brandenburgische Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen.

„Grüne Alleen dienen dem Schutz von Menschen angesichts des Klimawandels und der Feinstaubbelastung. In 100 oder vielleicht schon in 50 Jahren werden es vielleicht die Alleen sein, die die Gesundheit von Familien und Kindern gewährleisten“, unterstrich Ingo Lehmann aus dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz in Mecklenburg-Vorpommern.

Behm wies auf ein Maßnahmenbündel in Brandenburg hin, das gefruchtet habe. Zum Beispiel der Alleenerlass mit Tempo 70 an besonders gefährdeten Stellen. „Überall dort, wo die Geschwindigkeit gesenkt wurde, sind die Unfallzahlen überproportional zurückgegangen“, sagte sie.

Klare Worte fand Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer: „Es langweilen mich die Argumente beider Seiten, die ich bereits hundertmal gehört habe.“ Das Problem seien nicht die Alleen, sondern einzelne Bäume am Straßenrand. „Wir sind uns alle einig, dass die Schönheit der Alleen schützens- und erhaltenswert ist. Die sind meistens hundert Jahre alt. Wenn wir an neuen Straßen Alleen haben wollen, müssen wir auch das Geld für Schutzeinrichtungen aufbringen. Aber warum müssen die Alleen unbedingt an Straßen angelegt werden und nicht an Rad- oder Wanderwegen?“, warf er ein. Man könne auch an einem Stamm mit acht Zentimetern Durchmesser tödlich verunglücken.

DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf hob in seinem Schlusswort hervor, dass die „fehlerverzeihende Straße“ ein wichtiger Beitrag im Sinne der Sicherheitsstrategie Vision Zero sei. „Es gibt keinen sicheren Straßenverkehr ohne eine entsprechende Infrastruktur“, stellte er fest. „Wir streiten also nicht über den Wert unserer schönen Alleen, sondern über die richtigen Mittel und Wege, sie für alle sicherer zu gestalten.“


Download:


pdf Vortrag Professor Reinhold Maier

pdf Vortrag Katharina Brückmann

pdf Vortrag Christoph Rullmann

pdf Vortrag Uwe Ellmers