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Reiz mit hohem Risiko

Motive und Emotionen rund ums Motorradfahren

Dr. H. Kerwien

Motorräder werden fast ausschließlich in der Freizeit, nach dem Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub gefahren. Die grundsätzlichen Motive zum Motorradfahren sind deshalb auch mit denen anderer Freizeittätigkeiten vergleichbar. Ein Hauptzweck von Freizeitbeschäftigungen liegt darin, der alltäglichen Routine zu entkommen, Verantwortlichkeiten abzustreifen sowie Ruhe und Erholung zu finden. Dieser Eskapismus äußert sich beim Motorradfahren in einer Befreiung. Das Fahren dient der Selbstfindung und vermittelt allgemein eine gute Stimmung. Mit Freizeittätigkeiten werden darüber hinaus positive Erlebnisse, Spaß und Freude verbunden. Diese hedonistischen Tendenzen können beim Motorradfahren bis zu einer intensiven Lustempfindung führen.

Die Motivationsstruktur einiger Motorradfahrer zeigt allerdings auch eine Verwandtschaft auf mit der von Risikosportlern. Alpinski laufen, Wildwasserkanu fahren, Surfen, Springreiten oder Drachenfliegen sind ebenso wie das Motorradfahren Sportarten, die außergewöhnliche Bewegungsformen erlebbar machen. Beim Motorradfahren sind dies das Erleben von Schräglagen in Kurven und das Spüren von Beschleunigung sowie Geschwindigkeit. Gerade bei sportlichen Tätigkeiten ist das „Immer besser werden wollen“ eine Haupttriebfeder. Dazu gehören auch das Meistern von Herausforderungen und das Austesten der fahrphysikalischen und persönlichen Leistungsgrenzen. Für sportliche Motorradfahrer stellt das Erreichen von Kompetenz eine eigenständige Motivation dar.

Wird eine Tätigkeit konzentriert und kompetent ausgeübt, kann die handelnde Person in einen psychologischen Zustand geraten, in dem das Tun im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Handlung und Bewusstsein verschmelzen, störende Außeneinflüsse werden gefiltert und das Selbst verliert an Bedeutung. Der Akteur geht vollständig in der Tätigkeit auf und befindet sich jenseits von Angst und Langeweile. Dieser Flusszustand wird als sehr angenehm empfunden und der Fahrer möchte diesen Zustand immer wieder erreichen. Durch die ausschließliche Konzentration auf die Fahrtätigkeit, können allerdings auch wichtige Aspekte des Verkehrsgeschehens übersehen werden.

Risikoreiche Freizeittätigkeiten werden häufig von Personen ausgeführt, die besonders empfänglich für neue Erfahrungen sind. Das Ausführen einer gefährlichen Tätigkeit führt zu einem angenehmen Zustand optimaler physiologischer Erregung. Ein Teilaspekt dieser Erregungssuche bezieht sich auf Angst-Lustempfindungen. Beim Fahren eines Motorrades wird dieser Zustand des „Thrill“ vor allem bei schnellem und sportlichem Fahren erlebt.

Weitere wichtige Motivkomplexe bestehen im sportlichen Wettbewerb und für viele Motorradfahrer unverzichtbar in der Befriedigung sozialer Bedürfnisse.

Menschen fahren nicht Motorräder weil es gefährlich ist, sondern obwohl es gefährlich ist. Die Möglichkeiten der Befriedigung unterschiedlichster Motive überwiegen die offenkundigen Nachteile. Das durchaus vorhandene Streben vieler Motorradfahrer nach Perfektion sollte zukünftig noch intensiver für Trainingsmaßnahmen genutzt werden, denn schließlich wird in anderen Sportarten auch regelmäßig unter Anleitung trainiert. Gerade für sportliche Motorradfahrer müssen Gelegenheiten geschaffen werden, ihren Sport so ungefährlich wie möglich trainieren und ausüben zu können.


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