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Immer im Flow?

Motivationsanalysen zu riskantem Motorradfahren

Prof. Dr. Falko Rheinberg (Universität Potsdam)

Wie kommt es, daß jemand mit guten Vorsätzen zu defensiver Fahrweise sich auf sein Motorrad setzt und dann doch sehr viel zügiger durch die Kurvenkombinationen seiner Lieblingsstrecke schwingt, als das seinen guten Vorsätzen entsprechen würde? Unsere Versuch, riskante Fahrweise und Unfälle/Sturzhäufigkeiten von Motorradfahrer(inne)n mit rationalen Motivationsmodellen aufzuklären, waren nur teilweise erfolgreich. Das überrascht insofern nicht, als auch das Motorradfahren selbst nur selten streng zweckgerichtet rational motiviert ist. Der Anreiz zu dieser kostspieligen und eher gefährlichen Fortbewegungsweise liegt nämlich stärker im Vollzug der Tätigkeit selbst und weniger in ihrem Ergebnis, nämlich dem Erreichen eines Zielortes (Rheinberg, 1997). Detaillierte Anreizanalysen zum Vollzug des Motorradfahrens ergaben eine breite Palette unterschiedlichster Anreize, die das Motorradfahren um seiner selbst willen attraktiv machen. Auf dieses Anreizspektrum werden wir zunächst eingehen. Ein interessanter Anreiz ist dabei das sog. Flow-Erleben. Es ist das reflexionsfreie gänzliche Aufgehen in einer glatt laufenden Tätigkeit, die man trotz hoher Beanspruchung ("Vollauslastung der Kapazitäten") noch unter Kontrolle hat bzw. zu haben glaubt (Csikszentmihalyi, 1996; Rheinberg, 1997). Dieser Zustand ist bei unterschiedlichsten Personen und Tätigkeiten untersucht worden - vom Chirurgen bei der Operation über Computerfreaks bis zu Felskletterern. Flow wird als sehr angenehm erlebt. Wie Entzugsexperimente zeigen, brauchen wir ihn wohl auch.

Üblicherweise befindet man sich im Flow auf einem optimalen Funktionsniveau, weswegen dieser Zustand im Allgemeinen auch als positiv bewertet wird. Speziell für das Motorradfahren müßten sich aber Probleme ergeben können. Zum einen kommt es nur dann zum Flow, wenn eine Passung zwischen der eigenen Fähigkeit und den Anforderungen der Tätigkeit auf hohem Niveau gegeben ist. Von daher erfordert dieser Zustand eine hinreichend hohe Beanspruchung der eigenen Regulationskapazitäten beim Fahren. Unter Bedingungen des Straßenverkehrs bringt das aber den Motorradfahrer in Geschwindigkeitsbereiche, bei denen ein Fehler schwere Folgen nach sich ziehen kann. Zum anderen ist in diesem Zustand die Reflexivität eingeschränkt. Das setzt u.a. die "guten Vorsätze" außer Kraft, die jemand zu defensiver Fahrweise vielleicht haben mag. Statt dessen geht man völlig auf in der zügigen Regulation des laufenden Geschehens. Man hat dann keine Kapazität mehr frei um an seine Vorsätze zu denken.

Mit Interviews zur typischen Fahrt auf ihrer Lieblingsstrecke wurde bei Motorradfahrern zunächst untersucht, ob und in welchen Erscheinungsformen der Flowzustand beim Motorradfahren auftritt. Bei der Mehrzahl der untersuchten Fahrer zeigte sich dabei zunächst, daß die Komponenten des Flow-Erlebens in deutlicher Ausprägung auftraten. Weiterhin zeigte sich, daß Angst und Flow offenbar unvereinbar sind. Problematisch ist die Tatsache, daß (a) die selbsteingeschätzte Riskanz des eigenen Fahrstils sowie (b) die "persönliche Richtgeschwindigkeit" und auch (c) die berichtete Zahl von Unfällen/Stürzen mit der Intensität des Flow-Erlebens in signifikantem Zusammenhang standen.

Der ansonsten wünschenswerte Flowzustand kann also im Straßenverkehr durchaus unerwünschte Begleiterscheinungen haben. Mit Blick auf verkehrspädagogische Konsequenzen genügt es offenbar nicht, "gute Vorsätze" erfolgreich zu etablieren. Darüberhinaus müssen sie verrichtungsnahe konkretisiert und automatisiert werden. Dann müßte eine Chance bestehen, daß sie auch im reflexionsfreien Flow-Zustand noch Signalwirkung entwickeln und Fahrverhalten sicherer machen können.


Literatur

Csikszentmihalyi, M. (1996). Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile (6. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.

Rheinberg, F. (1997). Motivation (2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

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