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Risiko Sekundenschlaf
Jeder vierte Unfall mit Todesfolge auf Autobahnen wird durch kurzes Einnicken verursacht. Dennoch wird diese Unfallursache von den meisten Fahrern unterschätzt.
Lange, gerade, monotone Strecken sind am gefährlichsten", sagt Dr. med. Wolfram Hell vom Institut für Fahrzeugsicherheit des GDV in München. Wer auf solchen Strecken ermüdet hinter dem Steuer sitzt, schläft schnell ein. Besonderes Einschlafrisiko besteht auch nach einem reichlichen Mittagessen. Wer sich mit vollem Magen am frühen Nachmittag hinter das Lenkrad setzt, den erwischt die Siesta-Zeit. Das Nickerchen im fahrenden Auto endet dann schnell an der Leitplanke der Autobahn oder im Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug.
Das kurze Einnicken als entscheidende Todesursache auf der Autobahn ist noch nicht ausreichend ins Bewusstsein der Autofahrer getreten. "Während Alkohol nicht mehr als Kavaliersdelikt angesehen wird, kommen sich die schlaftrunkenen Fahrer immer noch wie Helden vor, wenn sie trotz Ermüdung weiterfahren", so Prof. Gerhard Stöcker von der Fachhochschule Würzburg. Doch die vermeintlichen Helden kämpfen gegen einen Feind, der sich nicht wirklich besiegen lässt. Langsam wird der Kopf immer schwerer, die Augen fallen beinahe zu - und plötzlich schreckt man hoch, nicht wissend, wie viel Zeit vergangen ist, was passiert ist. Dieses Phänomen wird allgemein als Sekundenschlaf bezeichnet.
Der Sekundenschlaf ist eines der Hauptrisiken auf langen Fahrtstrecken. Bereits nach vier Stunden verdoppelt sich die Gefahr des Einschlafens. Ein Sekunden-Schlaf kann auf der Straße schnell über Leben oder Tod entscheiden. Bei Tempo 130 kann der Wagen während dieses Kurzzeit-Blackouts über 200 Meter zurücklegen.
Mit deutlich wahrnehmbaren Symptomen kündigt sich der Sekundenschlaf vorher an: Man beginnt sich die Augen zu reiben, der Lidschlag erhöht sich, man schaltet mehr und macht mehr Lenkbewegungen. Daran kann man sehr gut erkennen, dass man jetzt stoppen muss, damit sich der Organismus ausruht.
Schlafmangel macht fahruntüchtig
Doch kaum einer gibt den Sekundenschlaf zu. Neben "Vielfahrern", darunter z.B. Lkw-Fahrer, sind die Autotouristen die zweite große Risikogruppe. Sie fahren lange Strecken in entfernte Urlaubsländer, ohne genügend Pausen zu machen. Vielen ist es zu unbequem, eine Übernachtung auf halber Strecke einzulegen. "Wenn sie erst hinter dem Steuer sitzen, wollen sie nicht mehr anhalten, sondern in einem Rutsch durchfahren", so Prof. Stöcker.
Doch auch wildentschlossene Langstreckenfahrer müssen sich ihrem Biorhythmus beugen, sonst droht unweigerlich der Sekundenschlaf. Eine Studie der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge belegt, dass der Körper bei fortschreitender Müdigkeit Stresshormone produziert. Diese verursachen Fahrfehler wie ruckartige und überflüssige Lenkbewegungen oder plötzliches Abbremsen und führen oft zum Unterschreiten des Sicherheitsabstandes.
Damit ähnelt das schlaftrunkene Fahren in gefährlicher Weise dem Fahren im angetrunkenen Zustand. Australische Wissenschaftler haben belegt, dass Schlafmangel ebenso fahruntüchtig macht wie übermäßiger Alkoholkonsum. Sie hielten Versuchspersonen 48 Stunden lang wach - von 8.00 Uhr morgens bis 12.00 Uhr mittags am nächsten Tag. Im zweiten Test mussten die Probanden dann Alkohol trinken, bis sich der Alkoholspiegel auf 1 Promille eingependelt hatte.
In beiden Versuchen registrierten die Mediziner das Nachlassen der Reaktionsfähigkeit und Schnelligkeit um insgesamt 74%. Bereits nach 17 schlaflosen Stunden liegt die psychomotorische Leistungsfähigkeit auf etwa dem gleichen Niveau wie bei einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille. Endgültig fahruntüchtig machen 24 Stunden ohne Schlaf, die Reaktionen entsprechen dann nur noch denen eines betrunkenen Autofahrers mit 1 Promille Alkohol im Blut.
Das Ausmaß der Einschlafunfälle auf der Autobahn wurde Anfang der 90er Jahre durch eine Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) deutlich. Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler und Verkehrsexperten: Von den 204 Unfällen mit Getöteten, die sich auf den Autobahnen in Bayern in einem Jahr ereignet hatten und im Detail untersucht wurden, war nahezu jeder vierte durch Einschlafen am Steuer verursacht. Was noch erstaunte: Eine große Zahl der Unfallfahrer war am Tage eingeschlafen. Von den tödlichen Unfällen, die sich an Autobahnbaustellen ereigneten, mussten die Forscher gar 70 % der Kategorie "Einschlafen" zuordnen.
Einig sind sich die Forscher, dass die Ergebnisse der bayerischen Studie auf die Autobahnen in Deutschland insgesamt zutreffen. Seither haben ähnliche Untersuchungen in anderen europäischen Ländern zu vergleichbaren Ergebnissen geführt. In Frankreich ergab eine Studie, dass 26 % aller Unfälle mit Todesfolge auf Autobahnen durch Einschlafen verursacht wurden. Einer Erhebung in den USA zufolge geschehen dort sogar mehr als ein Drittel der Autounfälle durch Einschlafen der Fahrer. Bei den Arbeitsunfällen wird sogar mehr als die Hälfte auf Müdigkeit zurückgeführt.
Besondere Risikogruppen
Besonders betroffen von Müdigkeit auf dem Weg zur Arbeit oder zurück sind Schichtarbeiter. Wenn sie von der Nachtschicht kommen oder zur Frühschicht fahren, müssen sie häufig gegen das Einnicken am Steuer ankämpfen. Viele Schichtarbeiter klagen über Un-wohlsein, Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen.
Auch Arbeitnehmer, die nicht im Schichtdienst arbeiten, aber täglich zur Arbeit pendeln müssen, fühlen sich stärker beansprucht als Nicht-Pendler. Insbesondere die Pendler im eigenen Pkw leiden häufig unter Konzentrationsmängeln und Schlafproblemen, so die Ergebnisse einer empirischen Studie des DVR und der Berufsgenossenschaften. Nach den erhobenen Daten haben Pkw-Pendler häufig mehr gesundheitliche Probleme als Pendler, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren.
Der DVR führte auch eine Untersuchung zum Fahrverhalten der Geschäftsreisenden durch. Insbesondere auf den Autobahnen haben Geschäftsreisen einen erheblichen Anteil am Gesamtverkehr. Denn die meisten der über 150 Millionen Geschäftsreisen pro Jahr werden mit dem Pkw unternommen. Ein wichtiges Ergebnis der Studie: Geschäftsreisende sitzen zu lange ohne Unterbrechung am Steuer und gehen nicht richtig mit Müdigkeit um. Nötige Pausen werden ausgelassen, da sie oft unter enormem Zeitdruck stehen und die Fahrtzeit zu knapp bemessen ist. Müdigkeit und nachlassende Konzentrationsfähigkeit am Steuer werden in Kauf genommen. Erwartungsgemäß saßen insbesondere die Geschäftsreisenden, die einen Termin hatten, viel zu lange am Steuer. Erst nach mehr als fünf Stunden gönnten sie sich eine Rast.
Auf die Frage, was sie gegen Müdigkeit unternehmen, meinten 20%, Müdigkeit mit Frischluftzufuhr im Auto besiegen zu können. Besonders jüngere Geschäftsreisende versuchen mit Rauchen oder dem Hören lauter Musik das Einschlafen am Steuer zu verhindern. Nach Meinung aller Fachleute ist das aber keinesfalls ausreichend, um den gefährlichen Sekundenschlaf zu vermeiden. Nur eine Pause kann hier wirklich Abhilfe schaffen. Aber nur ein knappes Drittel gab an, bei Müdigkeit anzuhalten und zu schlafen.
Der Mensch erlebt zwar zwischen drei und vier Uhr morgens seinen biologischen Tiefpunkt, aber auch um die Mittagszeit haben viele Fahrer große Konditions- und Konzentrationsprobleme. Richtig dramatisch kann es werden, so der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg Dr. Jürgen Zulley, wenn der Fahrer vor einem solchen toten Punkt bereits seit vielen Stunden am Steuer saß. Dann ist der Sekundenschlaf vorprogrammiert.
Betroffen sind von diesen Problemen Lkw- und Busfahrer. Zudem sind die Laster heute bequemer ausgestattet als früher. "Ich muss nur noch lenken und blinken. Da döst man schon mal vor sich hin", sagt Andreas Giesenhans, Lkw-Fahrer aus Gelsenkirchen. Bei den älteren Lkws musste man wesentlich mehr arbeiten, da blieb man wach.
Außerdem stehen die Fahrer häufig unter Zeitdruck. Sie können ihre Müdigkeit nicht richtig ausschlafen. Viele der Fahrer haben einen unruhigen Schlaf, weil ihr Tagesrhythmus unregelmäßig ist.
Eine weitere Risikogruppe sind die jungen Fahrer. Sie erliegen schnell einer Fehleinschätzung ihrer Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit. Häufig sind sie nach einer Disco-Nacht in den frühen Morgenstunden unterwegs. Die Müdigkeit, von der sie in der Disco bei lauter Musik und Tanz nichts merkten, kommt am Steuer schnell zum Tragen. Der dann unvermeidliche, gefährliche Sekundenschlaf bei jungen Fahrern, die häufig voll besetzte Wagen steuern, führt dann zu Unfällen mit schwersten Folgen.
Atempausen im Schlaf
Eine der wichtigsten Schlafstörungen ist das Schlaf-Apnoe-Syndrom. Unter dieser Erkrankung leiden 1% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Die Patienten klagen über vermehrte Tagesmüdigkeit mit starker Neigung zum Einschlafen, vor allem bei monotonen Tätigkeiten, wie beim Lesen, aber auch beim Autofahren. Neben den damit verbundenen beruflichen und sozialen Beeinträchtigungen bedeutet dies ein deutlich erhöhtes Unfallrisiko. Bei den Patienten mit Schlaf-Apnoe setzt nachts die Atmung immer wieder kurzfristig aus. Diese Atempausen, die so genannten Apnoen, können von zehn Sekunden bis zu drei Minuten dauern. Dabei wird die Sauerstoffversorgung des Gehirns reduziert. Gleichzeitig werden die für die Erholung unbedingt notwendigen Tiefschlafphasen immer wieder unterbrochen.
In der Berufsgenossenschaftlichen Klinik Bergmannsheil-Universitätsklinik-Bochum werden Schlafstörungen im Labor genauestens untersucht. Eingesetzt wird dazu auch der DVR-Fahrsimulator. Bei einer 60-minütigen Fahrt wird der Patient beobachtet und jeder Fehler protokolliert. "Anhand der Protokolle können wir sagen, ob ein pathologischer Befund vorliegt", sagt die Ärztin Dr. Kotterba. Die Messprotokolle zeigen deutliche Abweichungen von denen gesunder Testpersonen. Ohne eine medizinische Diagnose leiden die Betroffenen unter übermäßiger Tagesmüdigkeit, wissen aber häufig nicht, dass mit ihrem Schlaf etwas nicht stimmt. Deutliche Hinweise auf die Schlaf-Apnoe sind heftiges Schnarchen und die nächtlichen Atempausen.
Tipps gegen Übermüdung
Hinter das Lenkrad sollte man sich, insbesondere vor langen Fahrten, nur dann setzen, wenn man ausgeruht ist und sich fit fühlt. Lange Fahrten nach einem anstrengenden Arbeitstag oder zu Zeiten, zu denen man normalerweise schläft, sollten tabu sein.
Mit vollem Bauch fährt es sich nicht gut. Daher leichte und bekömmliche Ernährung bevorzugen.
Alkohol am Steuer sollte absolut tabu sein. Wer früh morgens losfährt, sollte am Abend vorher nicht mehr trinken, um Restalkohol im Blut zu vermeiden.
Auf mehrstündigen Fahrten sollte man Pausen einlegen. Alle zwei Stunden 10 bis 15 Minuten an der frischen Luft reichen schon, damit das Konzentrationsvermögen stabilbleibt, der Kreislauf wieder in Gang kommt und die Gelenke nicht unbeweglich werden.
Das Kleinklima im Fahrzeug ist für das persönliche Wohlbefinden entscheidend. Gute Belüftung - dazu gehört auch so wenig wie möglich rauchen - sorgt für ausreichend Sauerstoffzufuhr.
Beruhigungsmittel und andere Medikamente können die Fahrfähigkeit einschränken. Arzneimittel können auch eine schlafanstoßende Wirkung haben. Wer medikamentös behandelt wird, sollte im Zweifelsfall seinen Arzt fragen.
Bei ersten Anzeichen von Schläfrigkeit (wiederholtes Gähnen, schwere Lider, Augenbrennen, unregelmäßige Fahrweise, optische Täuschungen) sofort den nächsten Parkplatz anfahren, sich im Freien bewegen oder - noch besser - eine Schlafpause einlegen.
Kaffee, Cola, Energy-Drinks und Aufputschmittel können die Müdigkeit nur kurzfristig überbrücken. Sie gaukeln Ihnen Wachheit vor, ohne dass Ihr Körper tatsächlich wach ist.
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