Sichere Mobilität im Alter?

Probleme älterer Verkehrsteilnehmer in Städten und Gemeinden

Prof. Dr. Bernhard Schlag
(Technische Universität Dresden, Verkehrspsychologie)


In vielen OECD-Ländern wird ab 2030 jeder Vierte mehr als 65 Jahre alt sein. Bis 2050 wird sich hier der Bevölkerungsanteil der über 80-Jährigen von heute 4% auf über 12% der Bevölkerung verdreifachen. Für Deutschland schätzt die OECD sogar einen Anstieg des Anteils der über 80-Jährigen auf 18% der Bevölkerung. Schon dieses Altersspektrum legt nahe, dass es sich um eine sehr heterogene Gruppe handelt: Viele Anforderungen im Straßenverkehr, die 65-Jährige ohne Probleme bewältigen, bereiten 80-Jährigen Probleme.

Gleichzeitig werden derzeit die ersten Generationen alt, die ihr Leben lang Auto gefahren sind – und für die Auto-Mobilität im Alter keineswegs an Bedeutung verliert. Während diese Entwicklung bei den älteren Männern schon fortgeschritten ist, wird in den nächsten Jahrzehnten die PKW-Verfügbarkeit unter den älteren Frauen noch deutlich steigen.

Da die Entwicklung im Alter regelmäßig einige Veränderungen in den sensorischen, kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeiten bereit hält, die für eine sichere Fahrzeugführung bedeutsam sind, wird befürchtet, dass sich vermehrte und veränderte Verkehrssicherheitsprobleme ergeben werden. Wie steht es tatsächlich um die Mobilität und das Unfallrisiko Älterer? Welche altersbegleitenden Veränderungen sind besonders zu beachten? Wie lässt sich eine bedürfnisgerechte und zugleich sichere Mobilität im Alter gestalten?

Mobilität und vor allem ein eigenes Kraftfahrzeug symbolisieren Unabhängigkeit, Erlebnisreichtum und Aktivität. Für viele Menschen ist gerade mit der Zeit nach der Pensionierung die Vorstellung verbunden, Reisen und Erkundungen "nachzuholen", für die vorher keine Zeit war. Dass die Verwirklichung solcher Vorstellungen für den Verlauf des Alterungsprozesses durchweg günstige Auswirkungen hat, legen vielfältige Untersuchungen über die positiven Zusammenhänge zwischen Aktivität und Zufriedenheit im Alter nahe. Eindrucksvoll belegt werden gesundheitliche Unterschiede im Zusammenhang mit aktiver Automobilität für die USA durch eine Studie von Freeman et al. (2006). Danach ist das Risiko im Alter, dauerhaft betreut werden zu müssen (z. B. in Pflegeheimen, Altenwohnheimen mit Transportdiensten und Versorgung), für Personen, die mindestens seit 6 Monaten nicht mehr Auto fuhren, annähernd fünfmal so hoch wie für aktive Autofahrer. Für Personen, die noch nie Auto gefahren waren, war dieses Risiko mehr als dreimal so hoch. Diese Ergebnisse zeigten sich unabhängig vom Alter, Geschlecht, vom Familienstand und von einer Reihe erfasster Gesundheitsmerkmale.

Tatsächlich sind ältere Menschen nicht die auffälligste Gruppe in der Straßenverkehrsunfallbilanz; die Entwicklung verlief jedoch bereits in den letzten Jahren deutlich ungünstiger als für andere Altersgruppen. Dabei zeigen sich zwischen den Arten der Verkehrsteilnahme signifikante Unterschiede. In Deutschland ist bei älteren Fußgängern annähernd eine Halbierung der Unfallzahlen in den vergangenen 20 Jahren zu verzeichnen. Deutlich gestiegen sind hingegen die Unfallzahlen älterer Pkw-Insassen und älterer Radfahrer. Soweit es die Pkw-Nutzung betrifft, spiegelt diese Entwicklung wesentlich die veränderte Verkehrsteilnahme wider. Die außerordentlich hohen Zahlen verunglückter älterer Fahrradfahrer entsprechen jedoch keineswegs dem Anteil des Radfahrens an der Verkehrsbeteiligung Älterer. Es gibt eine Teilgruppe älterer Menschen, die viel Fahrrad fährt. Diese Gruppe ist einem hohen Risiko ausgesetzt. Die höchste Verkehrssicherheit weisen im Übrigen (auch für ältere Menschen) öffentliche Verkehrsmittel auf. Berücksichtigt man die geringere Verkehrsteilnahme Älterer, so fällt der Vergleich mit anderen Altersgruppen noch deutlich ungünstiger aus. Relativ zu den gefahrenen Meilen weisen ältere Autofahrer über 75 Jahre in den U.S.A. ein höheres Risiko auf, im Straßenverkehr tödlich zu verunglücken, als die unter 20-Jährigen. Ein Vergleich des Todesrisikos der Altersgruppen, relativ zu den gefahrenen Kilometern, stellt die älteren Fahrer allerdings schlechter als die jüngeren, da das Verletzungsrisiko und die Mortalität der älteren Menschen, wenn sie denn in einen Unfall verwickelt sind, deutlich höher sind.

Jedoch lässt auch die Analyse der Unfallarten und der Auffälligkeiten im Verkehrszentralregister (VZR) eine spezifische Problemlage für die älteren Fahrer erkennen. Typisch für ältere Kraftfahrer sind Unfälle in Kreuzungen und Einmündungen, bei denen sie die Vorfahrt missachten. Drei Viertel der von älteren Fahrern verursachten Unfälle geschehen in Knotenpunkten durch Fahrfehler bei der Vorfahrtregelung, beim Abbiegen und Einfahren und gegenüber kreuzenden Fahrzeugen und Fußgängern. Dies sind Anforderungen und Probleme, die sich besonders häufig innerorts stellen. Dies führt dazu, dass manche älteren Autofahrer Fahrten in Großstädte als belastend und unangenehm empfinden. Gibt es dort gute Alternativen, so können sie auch von dieser Seite attraktiv weil weniger beanspruchend sein. „Pull“ und „push“, ziehende und stoßende Kräfte können hier zusammenwirken – wenn das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln den Bedürfnissen der Älteren entgegenkommt.

Haben die „alterstypischen“ Fehlverhaltensweisen nun eindeutig benennbare Ursachen und sind sie gegebenenfalls durch entsprechende Gestaltungsmaßnahmen oder Verhaltenstrainings zu mindern?

Einen differenzierten Überblick über altersbegleitende Veränderungen in den sensorischen und kognitiven Leistungen, der motorischen Leistungsfähigkeit sowie der Persönlichkeit und der sozialen und emotionalen Lebenssituation in ihrer Bedeutung für die Verkehrsteilnahme und das Fahrverhalten gibt ein von Schlag (2008) herausgegebener Sammelband. Dabei werden in Bereichen der sozialen und der Persönlichkeitsentwicklung oft ausgleichende Faktoren für Verluste in den sensorischen, kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeiten vermutet. Solche Kompensationsleistungen werden als Erklärung dafür angeführt, dass langjährig geübte, alltäglich relevante Handlungen älteren Menschen oft weit besser gelingen als dies gleichzeitige Einschränkungen in sensorischen, kognitiven und motorischen Kompetenzen vermuten lassen. Eine der stärksten adaptiven Leistungen Älterer liegt in ihrer Fähigkeit zur Kompensation ungünstiger Altersentwicklungen im Alltag. Hier zeigt sich gerade im Alter ein “experience paradox“: mehr Übung bedingt fahrleistungsbezogen ein niedrigeres Risiko.

Psychophysische Entwicklungen mit Bedeutung für die Verkehrsteilnahme im Alter

  1. Nachlassendes Sehvermögen: bei Dämmerung und Dunkelheit, Fern/Nah-Tagessehschärfe, dynamische Sehschärfe, Akkomodationsfähigkeit (nah/fern), Adaptationsfähigkeit (hell/dunkel; nach Blendung), useful field of view. Schleichender Prozess, oft unzureichend bewusst.
  2. Verringerte Fähigkeit zu Mehrfachtätigkeit und zu selektiver und geteilter Aufmerksamkeit, leichter ablenkbar. Schwächere Inhibitionskontrolle (z.B.: mangelndes Ausblenden irrelevanter Information, Verharren).
  3. Leistungstempo: Von Sinnesempfindungen über die Verarbeitung der Informationen und das Entscheiden bis zur motorischen Handlungsausführung. Erhöhter Zeitbedarf Älterer: Handlungen wirken teilweise zögerlich und unsicher; Toleranz der Umgebung? Leistungstempo mehr beeinträchtigt als die Leistungsgüte. Bei Zeitdruck mehr Fehler.
  4. Verringerte körperliche Beweglichkeit und Belastbarkeit: Besondere Relevanz für Fußgänger und Radfahrer, teilweise für Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel. Schnellere Ermüdbarkeit und langsamere Rekreationsfähigkeit.
  5. Gefahr der Überforderung: Bei komplexen Leistungsanforderungen steigt die Gefahr einer kognitiven oder motorischen Überforderung vor allem dann, wenn diese schnell geleistet werden müssen. Die Bewältigung neuer Aufgaben und sich schnell wandelnder Situationen fällt schwerer.
  6. Diskrepanz zwischen Fremdbild und Selbstbild älterer Kraftfahrer: Negatives gesellschaftliches Altersstereotyp kontrastiert mit positivem Selbstbild: Interaktionen im Straßenverkehr!
  7. Geringe Selbstakzeptanz von Altersveränderungen: Ungern wahrgenommen, ein Hinweis darauf wird teilweise als Kränkung empfunden. Selbstkritischer Umgang mit den eigenen Fahrfähigkeiten?
  8. Häufigere Erkrankungen und vermehrter Medikamentengebrauch.
  9. Gleichzeitig verlangt der Alternsprozess starke Adaptationsleistungen.
  10. Wie weit reichen Kompensationsmöglichkeiten? Setzen sie bewusste Bearbeitung von Problemen voraus?

Wo lässt sich ansetzen? Wie können die Rahmenbedingungen den Anforderungen Älterer besser gerecht werden und was können die Älteren selbst leisten?

Präventive Maßnahmen zur Minderung der Mobilitäts- und Sicherheitsprobleme älterer Menschen:

  1. Bedarfsgerechte Raumplanung, die Erreichbarkeit und Teilhabe auch für die Älteren sicherstellt;
  2. Anpassung der Verkehrswege und des Verkehrsumfeldes an die Belange älterer Fußgänger, Rad- und Autofahrer;
  3. Anpassung der öffentlichen Verkehrssysteme, die Mobilitätschancen gerade für ältere Menschen erhalten: Transportalternativen machen unabhängig;
  4. Anpassung von Verkehrsregelungen und Fahrgeschwindigkeiten an die Möglichkeiten älterer Menschen;
  5. sichere und unterstützende Fahrzeuge mit entsprechenden Fahrerassistenzsystemen;
  6. Aufklärung und Unterstützung der älteren Menschen in ihren verschiedenen Verkehrsteilnahmerollen, um ihre Sicherheit und Mobilität zu erhalten;
  7. Anreize zur regelmäßigen Überprüfung relevanter psychophysischer und kognitiver Leistungen;
  8. Fortbildungs- und Trainingsangebote für Ältere zur Unterstützung ihrer Leistungsfähigkeit, Mobilität und Gesundheit (wie sie der DVR anbietet);
  9. Information und Gewinnung der Partner im Straßenverkehr für die Belange älterer Menschen, um die Interaktionen im Straßenverkehr günstiger zu gestalten.

Literaturhinweise:

Schlag, B.: Älter werden und Auto fahren. Report Psychologie 33, 2, 2008, 75-85.

Schlag, B. (Hrsg.): Leistungsfähigkeit und Mobilität im Alter. Schriftenreihe „Mobilität und Alter“ der Eugen-Otto-Butz-Stiftung, Band 3. Köln: Verlag TÜV Rheinland, 2008.

Schlag, B., Megel, K. (Hrsg.): Mobilität und gesellschaftliche Partizipation im Alter. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 230, Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2002.


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