„Sind die jungen Fahrer noch zu retten?“

Parlamentarischer Empfang von DVR und DVW

Berlin, 21. Februar 2013 – Unfälle im Straßenverkehr stellen für junge Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren die Haupttodesursache dar. Obwohl ihr Bevölkerungsanteil nur bei rund acht Prozent liegt, gehören 19 Prozent der im Straßenverkehr Getöteten zu dieser Altersgruppe. Mangelnde Erfahrung und in der Jugendlichkeit begründete Verhaltensweisen kombinieren sich zu einem gefährlichen Risiko-Mix.

Der Parlamentarische Empfang des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und der Deutschen Verkehrswacht (DVW) am 20. Februar 2013 in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin widmete sich daher dieser Hochrisikogruppe im Straßenverkehr. „Sind die jungen Fahrer noch zu retten?“ lautete die zentrale Fragestellung des Abends. Unter den rund 140 Gästen waren Jörg Vogelsänger, Minister für Infrastruktur und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, sowie die Bundestagsabgeordneten Kirsten Lühmann (SPD), Hans-Joachim Hacker (SPD), Stephan Kühn (Bündnis 90/Die Grünen) und Oliver Luksic (FDP).

„Mit dem ‚Begleiteten Fahren ab 17‘ hat sich ein Erfolgsmodell etabliert, mit dem das hohe Anfängerrisiko gemindert wird. Doch die immer noch erschreckend hohen Unfallzahlen erfordern weitere Maßnahmen. Dazu gehört die Weiterentwicklung bewährter Instrumente wie der qualitativ hochwertigen Fahrausbildung, die wir in Deutschland ohne Zweifel haben, ebenso wie neue Elemente, gebündelt zu einem umfassenden Konzept zur Ausbildung und Betreuung der Fahranfänger. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern können dabei wertvolle Impulse liefern“, sagte DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf zu Beginn der Veranstaltung im Interview mit Moderator Marco Seiffert (Radio Eins, Rundfunk Berlin-Brandenburg). Rund 700 junge Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren kommen pro Jahr auf unseren Straßen ums Leben. „Sie werden für einen Fehler mit dem Tod bestraft – das darf nicht sein“, unterstrich Dr. Eichendorf.

Über aktuelle Forschungsergebnisse und geeignete Maßnahmen, die Risiken junger Fahrer zu reduzieren, berichtete der Verkehrspsychologe Carl Vierboom. Mit Blick auf die Sicherheitsstrategie Vision Zero würde die Gruppe der jungen Fahrer noch einige Jahre im Fokus der Verkehrssicherheitsarbeit stehen.

Der Wissenschaftler betonte, wie wichtig Feedback-Systeme seien. „Die Fahranfänger müssen viele Möglichkeiten bekommen, selbst Rückmeldungen über ihr Fahrverhalten geben zu können und zu erhalten.“ Erfolgversprechend in der Fahrausbildung sei das Prinzip der Mehrstufigkeit. „Die jungen Leute brauchen längere Lernzeiträume, um die notwendige Professionalität am Steuer zu erlangen“, sagte Vierboom. Dazu müssten immer wieder Möglichkeiten der Selbstreflexion, sogenannte „Korrekturschleifen“, in die Fahrausbildung und die erste Zeit des selbstständigen Fahrens eingebaut werden.

In der anschließenden Podiumsdiskussion waren sich die Experten einig, dass die Fahrausbildung in Deutschland aktuellen pädagogischen Standards angepasst werden müsse. „Mit dem ‚Nürnberger Trichter‘ kommen wir nicht weit“, sagte Georg Willmes-Lenz von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt).

Übereinstimmend wurde auch eine schrittweise oder mehrstufige Fahrausbildung positiv bewertet, genauso wie eine gute Vor- und Nachbereitung der Fahrstunden.

Alle Fachleute unterstrichen die Bedeutung von Feedback-Systemen. Eine Rückmeldung darüber, dass bereits fünf km/h mehr auf dem Tacho darüber entscheiden können, ob ich „vom Piloten zum Passagier“ werde, seien wichtig für die Fahranfänger. Die Lernstandskontrolle gehöre zum „täglich Brot“ des Fahrlehrers.

Das „Begleitete Fahren ab 17“ wurde unisono als Erfolgsmodell bezeichnet. BF 17 sei ein wirksames Mittel, das hohe Anfängerrisiko zu minimieren.

In der Diskussion wurde der Blick auch auf Erfahrungen aus dem europäischen Ausland gerichtet. Dr. Michael Gatscha, Test & Training international, aus Österreich berichtete über das Mehrphasenmodell in der Alpenrepublik, das aus seiner Sicht sehr erfolgreich sei und positive Ergebnisse in der Unfallstatistik zeige.

Han Rietman von der CBR Prüforganisation wies auf den intensiven Austausch zwischen Fahrlehrer und Fahrschüler in den Niederlanden hin.

Mit Blick auf die Diskussion über eine Verlängerung der Lernzeiträume für junge Fahrer in Deutschland sagte Renate Bartelt-Lehrfeld vom Bundesverkehrsministerium, dass nunmehr alle Experten angehört worden seien. Sie stelle dabei insgesamt einen breiten Konsens fest. „Jetzt beginnt die Detailarbeit“, kündigte die Referatsleiterin an.

Weitere Teilnehmer der Diskussionsrunde waren Ulrich Chiellino, ADAC, und Wolfgang Stern, Institut für angewandte Verkehrspädagogik (AVP).



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