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„Runter vom Gas!“

Bilanz einer erfolgreichen Kampagne

Besuch im Unfallkrankenhaus Berlin bei Prof. Dr. Axel Ekkernkamp: Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer und DVR-Hauptgeschäftsführer Christian Kellner (r.) (Foto > DVR)
vergrößern Besuch im Unfallkrankenhaus Berlin bei Prof. Dr. Axel Ekkernkamp: Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer und DVR-Hauptgeschäftsführer Christian Kellner (r.) (Foto > DVR)

von Sandra Demuth

Obwohl nahezu jeder Deutsche persönlich einen im Straßenverkehr Verunglückten kennt, waren Verkehrssicherheit und Unfallopfer lange Zeit kein gesellschaftliches Thema. Dies änderte sich schlagartig, als im März 2008 die Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas!“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und des DVR startete.

Auf einer Auftaktpressekonferenz in Berlin wurden der Öffentlichkeit Autobahnplakate in Form von nachgestellten Todesanzeigen präsentiert. Ina Kutscher, Unfallopfer und Initiatorin des Projekts „Jeden kann es treffen“, sprach als Betroffene auf der Pressekonferenz. „Ich finde es gut, dass Todesanzeigen als Plakatmotive gewählt wurden. Sie zeigen deutlich, dass die Folgen von Fehlverhalten im Straßenverkehr nie wieder rückgängig gemacht werden können“, begründete sie ihr Engagement für die Kampagne.

In den folgenden Monaten wurde den Verkehrsteilnehmern mit Plakaten, einem TV- und Kino-Spot sowie Funkspots drastisch und eindeutig vor Augen geführt, welche Auswirkungen unangepasste Geschwindigkeiten haben können. In den Medien wurde engagiert und kontrovers, doch überwiegend positiv, über „Runter vom Gas!“ und seine emotionale Botschaft diskutiert.

Somit war das erste Ziel bald erreicht: Die Kampagne hatte eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit über angepasste Geschwindigkeit und Verantwortung im Straßenverkehr ausgelöst. Dies belegt eine repräsentative Bevölkerungsumfrage der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) und des Instituts für Publizistik der Universität Mainz, die im Herbst 2008 durchgeführt wurde. Knapp sechs Monate nach Beginn der Kampagne gaben 61 Prozent der Befragten an, von der Kampagne „schon gehört“ zu haben, 85 Prozent sagten, die Kampagne mache nachdenklich und 20 Prozent hatten sich mit Familie, Freunden oder Kollegen über „Runter vom Gas!“ unterhalten.

Bundesweite Kooperationen

Den Initiatoren war das noch nicht genug. Deshalb wurden im Laufe der drei Jahre dauernden Kampagne nicht nur drei weitere Plakatstaffeln veröffentlicht, sondern auch vielfältig einsetzbare Präventionsmaterialien sowie Präventionsspots entwickelt und umfassende Medienarbeit betrieben. „Runter vom Gas!“ informierte Verkehrsteilnehmer auf zahlreichen Messen und Veranstaltungen. Mit über 100 Kooperationspartnern wurden mehr als 60 Aktionen durchgeführt. Zu einigen von vielen Highlights zählen der „Runter vom Gas!“-Filmwettbewerb in Kooperation mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), Cinestar und sueddeutsche.de, der „Runter vom Gas!“-Fotowettbewerb in Kooperation mit dem Deutschen Fußballbund (DFB) und Videocasts, in denen Unfallopfer und Angehörige von ihren persönlichen Erlebnissen berichten. Zu den über 80 Kooperationspartnern der Kampagne zählen zum Beispiel Unfallkassen, Berufsgenossenschaften, Verkehrswachten, Kirchen, Feuerwehren und Discotheken.

Weitere wichtige Kooperationspartner waren die Bundesländer. Bei Geschwindigkeitskontrollen setzte die Polizei gemeinsam entwickelte „Runter vom Gas!“-Präventionsmaterialien ein, viele Bundesländer übernahmen die jeweiligen Kampagnenplakate für ihre Landstraßen und verteilten im Frühjahr über 13.000 Sicherheitswesten mit der Kampag­nenbotschaft an Motorradfahrer. In Zusammenarbeit mit der Biker Union führten die Bundesländer, das BMVBS und der DVR am 14. September 2010 in verschiedenen Städten in ganz Deutschland eine Motorradfilmnacht durch. Neben Präventionsspots wurde eine exklusive Preview des Roadmovies „Mammuth“ mit Gérard Depardieu gezeigt.

Neben den Motorradfahrern bildeten die jungen Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren eine weitere wichtige Zielgruppe. Zur Information und Motivation von Rekruten der Bundeswehr wurde daher eine Rede entwickelt und eine „Runter vom Gas!“-Broschüre adaptiert. Parallel dazu wurde eine Lehreinheit für Zivildienstleistende konzipiert, mit der in Zivildienstschulen an das Verantwortungsbewusstsein der jungen Verkehrsteilnehmer appelliert wurde.

Im Herbst 2010 rückte mit den Fahrradfahrern eine weitere Zielgruppe in den Fokus der Kampagne. Gemeinsam mit Tank & Rast, ADAC, ADFC und Fahrrad XXL wurde ein Fotowettbewerb für mehr Partnerschaft im Straßenverkehr aufgerufen. Beide Gruppen sollten mit einem gemeinsamen Foto und einem Statement ein positives Zeichen setzen für ein freundliches Miteinander im Straßenverkehr zwischen Radfahrern und dem motorisierten Verkehr.

Vierte und letzte Plakatstaffel

Seit September letzten Jahres ist die vierte und letzte Plakatstaffel an den Autobahnen und Rastplätzen zu sehen. Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Motive mahnte Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer erneut eindringlich: „Wer zu schnell fährt, gefährdet sich und andere. Rund 70.000 Menschen erleiden jedes Jahr bei Verkehrsunfällen schwere oder schwerste Verletzungen. Die neuen Plakatmotive zeigen das Schicksal der Verletzten. Damit wollen wir die Menschen aufrütteln und das Bewusstsein für die Folgen überhöhter Geschwindigkeit schärfen. Ich bin zuversichtlich, dass die Plakate dazu beitragen, die Zahl der Verkehrsunfälle in Deutschland weiter zu senken.“ Um sich selbst ein Bild von der Situation der Schwerverletzten zu machen, besuchte Dr. Ramsauer am 28. Januar 2011 gemeinsam mit DVR-Hauptgeschäftsführer Christian Kellner das Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Professor Axel Ekkernkamp, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des ukb, führte durch die verschiedenen Stationen, die ein Verkehrsopfer durchläuft und erläuterte dabei die häufig langwierigen Therapiemöglichkeiten.

Ein Motiv der ersten Plakatstaffel

Ein Motiv der ersten Plakatstaffel

Ärzte werden immer wieder mit den Folgen von Verkehrsunfällen konfrontiert und leisten mit ihrer Arbeit einen häufig lebensrettenden Beitrag zur Versorgung von Verletzten im Straßenverkehr. Deshalb wurde im Oktober vergangenen Jahres eine Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) gestartet. Auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin bekannten sich die Unfallchirurgen mit einem Medienbild zu „Runter vom Gas!“. 29 Kliniken folgten dem Aufruf der DGU und beteiligten sich aktiv an der Kampagne und organisierten Veranstaltungen in ihrer Region. So etwa die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Lüneburg, die mit Partnern vor Ort ein Aktionsbündnis zu „Runter vom Gas!“ gründete und die Verkehrsteilnehmer mit Aktionstagen für eine angepasste Geschwindigkeit sensibilisierte.

Sicherheitswesten für Motorradfahrer

Passend zum Start der Motorradsaison konnten zu Beginn dieses Jahres erneut Sicherheitswesten an Motorradfahrer verteilt werden. In Kooperation mit TÜV und DEKRA erhielten Motorradfahrer bei bestandener praktischer Führerscheinprüfung von den Fahrprüfern ein „Runter vom Gas!“-Sicherheitspaket. Dieses Paket bestand neben einer Sicherheitsweste für eine verbesserte Sichtbarkeit der Biker aus einer Führerscheinhülle sowie einer Broschüre.

Mit diesen letzten Aktionen läuft die erfolgreiche Kampagne nun nach gut drei Jahren aus. Zahlreiche DVR-Mitglieder, Partner und prominente Unterstützer haben die Botschaft „Runter vom Gas!“ bundesweit verbreitet und mit Leben gefüllt. Der DVR bedankt sich herzlich für die erfolgreiche Zusammenarbeit. Diese Partner haben maßgeblich dazu beigetragen, dass „Runter vom Gas!“ bundesweit sichtbar und erlebbar wurde und so viele Verkehrsteilnehmer erreichte.

Die Webseite www.runter-vom-gas.de wurde jetzt aus dem Netz genommen. Die Präventionsfilme „Runter vom Gas!“ und Plakate sind weiterhin unter www.dvr.de zu finden. Materialien der Kampagne, die Partnern und Unterstützern zur Verfügung gestellt wurden, können auch weiterhin verteilt werden.

Denn auch wenn die Kampagne offiziell beendet ist, bleibt die Botschaft „Runter vom Gas!“ aktuell. Im Jahr 2010 starben 3.657 Menschen im Straßenverkehr, über 370.000 wurden verletzt. DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf kommentierte diese Zahlen folgendermaßen: „Es macht uns glücklich, dass von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen. Schließlich ist jedes einzelne Leben unendlich wertvoll. Das heißt aber auch: Jeder einzelne Verkehrstote und Schwerverletzte ist einer zu viel.“

Die Autorin ist Projektmitarbeiterin für Kampagnen beim DVR.
SDemuth@dvr.de


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