Interview

Jutta Kleinschmidt

„Sicheres Autofahren kann man üben“

Die Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt ist 2015 das prominente Gesicht der „Aktion Schulterblick“. Wie man möglichst lange fit im Straßenverkehr bleibt, erklärt die 53-Jährige im Interview.

DVR-report: Frau Kleinschmidt, warum engagieren Sie sich für die Aktion Schulterblick?
Kleinschmidt: Ich finde es sehr wichtig, ältere Leute anzusprechen, die schon langjährige Fahrerfahrung haben, und sie zu motivieren, sich mit der eigenen Fahrtüchtigkeit auseinanderzusetzen. Wer einmal seinen Führerschein in der Tasche hat, macht sich meist nicht bewusst, wie wichtig es ist, die eigenen Fähigkeiten am Steuer immer wieder aufzufrischen. Fahrsicherheitstrainings sind dafür zum Beispiel eine gute Möglichkeit. Sie machen richtig Spaß und bringen nicht nur den Teilnehmern mehr Sicherheit, sondern auch anderen Menschen.

DVR-report: Wie nützlich sind Fahrerassistenzsysteme für Senioren am Steuer?
Kleinschmidt: Ich teste regelmäßig Autos – etwa für das „Goldene Lenkrad“ – und bin begeistert von den technischen Möglichkeiten, die es gibt. Sehr hilfreich sind beispielsweise Spurwechselassistenten, wenn es mit dem Schulterblick nicht mehr gut klappt. Aber auch Parkassistenten machen das Einparken entspannter.

DVR-report: Manche ältere Fahrer haben Berührungsängste gegenüber solchen Hightech-Systemen. Wie lassen sich solche Hürden überwinden?
Kleinschmidt: Fahrer sollten sich klarmachen, dass sie bereits viele Sicherheitstechniken im Wagen ganz selbstverständlich nutzen, ohne groß darüber nachzudenken, wie etwa ABS. Wichtig ist zudem, dass den Nutzern die Technik verständlich und unkompliziert nahegebracht wird. Viele wissen nicht, was ein System alles leisten kann und wie man es am besten handhabt. Dazu gehört auch, dass die Fahrerin oder der Fahrer weiß, wann er die Assistenten ausschalten muss. Wer beispielsweise im Winter auf Glatteis anfahren will, sollte sein Antischlupfsystem deaktivieren, sonst kommt er nicht von der Stelle. Ein weiterer Punkt ist, dass der Wagen insgesamt zu den Bedürfnissen des Besitzers passen sollte. Zum Beispiel können starke Scheinwerfer mehr Sicherheit in der Nacht bringen. Eine Fußleiste in der richtigen Höhe erleichtert das Einsteigen.

DVR-report: Was können ältere Menschen darüber hinaus tun, um sicher mit dem Auto mobil zu sein?
Kleinschmidt: Natürlich sind auch die freiwilligen Gesundheitschecks, für die die Kampagne wirbt, sehr wichtig, um sich Klarheit über die eigene Fahrfitness zu verschaffen. Als Motorsportlerin muss ich mich auch regelmäßig durchchecken lassen. Für Flugzeugpiloten ist das ebenfalls Pflicht – und ich finde, auch ältere Autofahrer sollten in bestimmten Abständen ihre Fahrtüchtigkeit auf den Prüfstand stellen. Es gibt zwar viele ältere Menschen, die sagen, „Ich merke selbst, wenn mein Fahrtüchtigkeit nachlässt“, und dann entsprechend handeln. Es gibt aber auch solche, die nicht registrieren, dass sie nicht mehr sicher am Steuer sind. Da ist oft auch Selbsttäuschung im Spiel. Viele Gesundheitsbeeinträchtigungen wie eingeschränkte Beweglichkeit oder Sehschwäche stellen sich jedoch schleichend ein und werden von Autofahrern deshalb zu spät wahrgenommen. Das kann gefährlich werden.

DVR-report: Welche Rolle spielen Angehörige dabei? Können sie helfen, Defizite aufzudecken?
Kleinschmidt: Eine sehr wichtige Rolle: Sie erleben den Fahrer im Alltag, ihnen fällt schnell auf, wenn Unsicherheiten auftreten – das können die Betroffenen nur schwer überspielen. Allerdings ist viel Feingefühl gefragt. Wenn Angehörige das Gespräch suchen wollen, bitte auf keinen Fall schulmeisterlich wirken. Ich selbst berate auch Bekannte und Verwandte, wenn es um das Thema sichere Mobilität geht. Für mich ist es berufsbedingt jedoch einfacher, solche Dinge anzusprechen als für andere.

DVR-report: Wie halten Sie sich persönlich fit am Steuer? Kleinschmidt: Wer als Rallyefahrerin erfolgreich sein will, muss gut in Form sein. Ich mache Konditionstraining und Kraftübungen für Arme, Rücken und Nacken. Eine gute Muskulatur ist unverzichtbar auf anspruchsvollen Off-Road-Strecken, bei denen man mit dem Wagen springt und gleichzeitig einen sehr schweren Helm auf dem Kopf trägt. Und natürlich ernähre ich mich ausgewogenen, um fit zu bleiben. Professionelle Trainer unterstützen mich dabei, einen passenden Trainingsplan zu erstellen – und das ist auch notwendig: Auf manchen Strecken sitzen Sie als Rallyefahrerin acht oder neun Stunden am Stück am Steuer, da müssen Sie mentale und körperliche Höchstleistungen vollbringen.

DVR-report: Wer durch den täglichen Verkehr fährt, muss normalerweise keine Höchstleistungen erbringen. Gibt es in puncto Fahrfitness Dinge, die auch der Durchschnittsfahrer beachten sollte?
Kleinschmidt: Sicherlich, in der Regel müssen im normalen Straßenverkehr keine Höchstleistungen erbracht werden. Dennoch unterschätzen viele, wie wichtig es ist, beim Fahren eine gewisse Grundfitness mitzubringen – gerade, wenn man länger unterwegs ist. Ohne eine gute körperliche Verfassung fällt es schwer, die nötige Konzentration am Steuer aufzubringen. Schon ein täglicher Spaziergang hilft dabei, beweglich zu bleiben.

DVR-report: Gibt es Situationen, die Sie als Rennfahrerin im täglichen Straßenverkehr stressen können?
Kleinschmidt: Nein, ich versuche, mich nicht stressen zu lassen beziehungsweise den Stress rauszunehmen, wo es geht. Drängelt jemand auf der Autobahn, dann lasse ich ihn vorbei. Solche Situationen sind es nicht wert, sich selbst in Gefahr zu bringen.

DVR-report: Welchen Stellenwert hat Automobilität für Sie – abseits der Rennpiste?
Kleinschmidt: Ich wohne bereits seit 20 Jahren in Monaco, dort ist es viel praktischer, mit dem Rad unterwegs zu sein als mit dem Auto. Das hält mich außerdem fit. Meinen BMW Z3 M Coupé nutze ich hauptsächlich, um Reisen zu machen oder Freunde zu besuchen.

DVR-report: Sie sind viel mit dem Auto in der Welt unterwegs. Ist Deutschland Ihrer Einschätzung nach für ältere Autofahrer eher ein schwieriges Pflaster, weil das Verkehrsklima rau ist?
Kleinschmidt: Nein, im Vergleich zu anderen Ländern wie beispielsweise Italien geht es auf unseren Straßen vergleichsweise gesittet zu. Aber in Deutschland sind die Straßen sehr eng, in den Städten gibt es wenig Platz – das macht das Fahren schwieriger. In den USA ist es für ältere Menschen einfacher, mit dem Auto unterwegs zu sein. Die Straßen sind breiter, die Verkehrsführung übersichtlicher. Die Geschwindigkeit ist zudem geringer, das erspart Stress beim Fahren.

DVR-report: Beschäftigen Sie sich bereits heute mit der Frage, wie Sie im Alter mobil sind? Würde es Ihnen schwer fallen, auf Ihren Wagen zu verzichten?
Kleinschmidt: Das würde mir sehr schwer fallen, da ich mit dem Thema Mobilität meinen Lebensunterhalt verdiene und eine leidenschaftliche Motorsportlerin bin. Ich versuche jedoch, mich bereits heute bewusst mit der Frage auseinanderzusetzen. Wenn ich eines Tages merke, dass ich nicht mehr sicher am Steuer bin, werde ich mir Alternativen suchen. In Monaco ist der Führerschein ohnehin nur bis zum 70. Lebensjahr gültig.

DVR-report: Über ein Verfallsdatum für Führerscheine wird häufig auch in Deutschland diskutiert. Wie beurteilen Sie diese Debatte?
Kleinschmidt: Das ist ein sehr sensibles Thema. Man sollte jedoch nicht alle älteren Autofahrer über einen Kamm scheren. Der eine ist noch mit über 80 sicher unterwegs, während der andere vielleicht schon mit Mitte 60 erste Defizite bei sich feststellt. Wichtig ist vor allem, dass die Betroffenen regelmäßige Checks durchführen lassen. Solche Tests können ja auch motivieren, etwas für die persönliche Fahrfitness zu tun. Entscheidend für die Sicherheit ist zudem umfassende Fahrpraxis.

DVR-report: Gerade vielen älteren Fahrerinnen fehlt es oftmals an Routine am Steuer. Wie kann man nach längerer Fahrpause wieder einsteigen?
Kleinschmidt: Da lautete die Devise: Üben, üben, üben! Nur wer regelmäßig trainiert, ist sicher unterwegs. Nach einer längeren Fahrpause empfiehlt es sich, mit einem Freund oder Verwandten in aller Ruhe ein paar Runden auf dem Verkehrsübungsplatz zu drehen. Einige Fahrstunden können ebenfalls hilfreich sein. Autofahrer, die seit ihrer Führerscheinprüfung jahrelang nicht mehr selbst am Steuer saßen, fangen oft wieder bei Null an.

Interview: Sven Rademacher

Zur Person: Jutta Kleinschmidt


Jutta Kleinschmidt ist die erfolgreichste Frau im Marathon-Rallye­sport weltweit. Sie ist die erste und bisher einzige Frau, die 2001 die schwerste und längste Rallye der Welt, die Rallye Dakar, in der Gesamtwertung gewonnen hat.

Aufgewachsen in Berchtesgaden, war ihre Jugend dem Wintersport gewidmet. Mit 18 Jahren kaufte sie sich ihr erstes Motorrad, um damit Abenteuer-Reisen zu unternehmen. Nach ihrem Physik-Studium und sechs Jahren Erfahrung als Entwicklungsingenieurin bei BMW gab sie ihren Beruf auf, um sich ganz dem Motorsport zu widmen. Nach vier Dakar-Rallyes auf dem Motorrad stieg sie 1995 auf vier Räder um. Schon bald war ihr Wissen als Ingenieurin in ihren Teams sehr gefragt. So war sie zum Beispiel an der Entwicklung des damals erfolgreichsten Dakar-Rallyeautos, dem Mitsubishi Pajero Evo, und später beim erfolgreichen Volkswagen Race Touareg beteiligt.

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