Journal

Fußverkehr muss „Mutter der Mobilität“ bleiben

1. Deutscher Fußverkehrskongress in Wuppertal

Der Fußverkehr ist wichtiger Teil einer nachhaltigen Mobilitätskette. Um den Stellenwert des Zufußgehens in der mobilen Gesellschaft zu unterstreichen, luden die Bergische Universität (BUW), die Unfallforschung der Versicherer (UDV), das Verkehrsministerium NRW und der DVR am 15./16. September 2014 zum 1. Deutschen Fußverkehrskongress nach Wuppertal ein. Vor 300 Teilnehmern standen die Bedeutung des Fußverkehrs in der mobilen Gesellschaft und aktuelle Lösungen, die ein gutes und vor allem sicheres Zufußgehen ermöglichen, im Vordergrund.

Jährlich verunglücken rund 32.000 Fußgänger auf deutschen Straßen – aus Sicht der Experten eine nicht tragbare Situation, die unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass der Fußverkehr in der Vergangenheit eher stiefmütterlich behandelt wurde. Das soll sich ändern, indem ein neues Bewusstsein für die Renaissance des Fußverkehrs entwickelt wird. Der Fußverkehrskongress behandelte in verschiedenen Plenarvorträgen und Foren die Themenbereiche Mobilitätswünsche, Anforderungen verschiedener Nutzergruppen, objektive und subjektive Sicherheit im Fußverkehr (Unfallentwicklung, Unfallvermeidung), Fußverkehrsstrategien (Good Practices), Barrierefreiheit und bedarfsgerechte Dimensionierung.

„Fußgänger werden oft noch wie eine Randgruppe der mobilen Gesellschaft behandelt“, sagte NRW-Verkehrsminister Michael Groschek zur Begrüßung der Teilnehmer. Im Jahr 2013 sind bundesweit 557 Fußgänger auf unseren Straßen ums Leben gekommen, 109 in NRW. In diesem Zusammenhang forderte der Minister, die „Raserei in unseren Städten“ zu unterbinden.

Groschek forderte eine neue Planungsphilosophie bei Stadt- und Verkehrsplanern, bei der zuerst an Fußgänger und Radfahrer gedacht wird.

Auch DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf unterstrich, dass das Zufußgehen die „Mutter der Mobilität“ bleiben müsse. Kreuzungen, Einmündungen und Kreisverkehre hätten oft Nachteile für Fußgänger und müssten dementsprechend sicher gestaltet werden. Für die Fußgänger selbst sei es wichtig, gut sichtbar zu sein. Und nicht zuletzt spiele das Thema Geschwindigkeit eine zentrale Rolle. „Wir müssen darüber nachdenken, ob Tempo 50 innerorts die richtige Geschwindigkeit ist“, sagte der DVR-Präsident. Mit der Umkehr der Regelgeschwindigkeit von 50 auf 30 km/h könnte Verletzungen von Fußgängern und Radfahrern wirkungsvoll vorgebeugt werden.

Den Zusammenhang zwischen Fußgängerunfällen und demografischer Entwicklung sprach Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), an. Jeder zweite getötete Fußgänger sei 65 Jahre oder älter gewesen. Der Unfallforscher plädierte zudem dafür, auch Verhaltensaspekte bei Auto- und Radfahrern sowie Fußgängern zu berücksichtigen.

Schlechte Sichtbeziehungen zwischen Fußgängern und Autofahrern, mangelhaftes Parkraummanagement und zu viel Grau in unseren Städten kritisierte Prof. Jürgen Gerlach von der Bergischen Universität Wuppertal. „Lassen Sie uns Flächen neu verteilen, Horizonte erweitern und Visionen entwickeln“, appellierte er an die anwesenden Entscheider und Planer aus den Bereichen des Bauingenieurwesens sowie der Raum- und Stadtplanung.

Weitere Informationen und eine ausführliche Dokumentation finden Sie unter
www.fuko.uni-wuppertal.de.

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Toter Winkel: Radfahrer in Gefahr

Endlich Grün: Der Lkw fährt an und biegt in die Seitenstraße ein. Dabei übersieht er den Radfahrer, der sich von hinten auf dem Radweg nähert. Das schwere Fahrzeug trifft den Radfahrer, dieser geht zu Boden und wird von dem Laster mitgeschleift. So oder ähnlich ereignen sich immer wieder schwere Unfälle. Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) gab es 2012 in Deutschland 650 Abbiegeunfälle mit Personenschaden zwischen Lkw und Radfahrern, 30 davon endeten tödlich. Aber auch zwischen Pkw und Radfahrern kommt es in dieser Situation häufig zu Kollisionen, zumeist beim Rechtsabbiegen.

Radfahrer, die sich seitlich oder schräg hinter Kraftfahrzeug befinden, sind für den Fahrer schwer zu erkennen. Als „Toten Winkel“ bezeichnet man den Bereich, der für den Fahrer trotz Spiegel nicht einsehbar ist. Dieser ist umso größer, je breiter das Fahrzeug ist und je höher die Unterkante der Front- und Seitenscheiben liegen. Daher ist die Gefahr des Toten Winkels bei Lkw besonders stark ausgeprägt. Seit 2007 müssen Neufahrzeuge über 3,5 Tonnen zulässiger Gesamtmasse mit zusätzlichen Weitwinkel-Spiegeln ausgerüstet sein, die eine bessere Sicht auf den Bereich seitlich neben dem Fahrzeug ermöglichen. Sind diese neuen Spiegel richtig eingestellt, wird der nicht einsehbare Bereich erheblich verringert. Für den Fahrer wird die Aufgabe dadurch aber nicht unbedingt leichter: Neben der direkten Sicht aus dem Fahrzeug muss er nun zusätzlich zwei Spiegel im Blick haben.

Dabei ist die Rechtslage eindeutig: Wer nach rechts abbiegen will, muss geradeaus fahrende Radfahrer vorbei lassen, unabhängig davon, ob sie auf der Fahrbahn oder auf dem Radweg unterwegs sind. So verwundert es nicht, dass in neun von zehn Unfällen beim Abbiegen der Autofahrer die Hauptschuld trägt.

Der DVR appelliert an alle Auto- und Lkw-Fahrer, beim Rechtsabbiegen besonders aufmerksam zu sein und verstärkt auf Radfahrer und Fußgänger zu achten. Der Schulterblick beim Abbiegen darf nicht vergessen werden. An Radfahrer richtet der DVR den Hinweis, an Kreuzungen und Einmündungen besonders nach abbiegenden Fahrzeugen Ausschau zu halten, eventuell den Blickkontakt mit dem Fahrer zu suchen und im Zweifelsfall den Abbiegenden vorbeizulassen.

Damit Unfälle beim Rechtsabbiegen möglichst vermieden werden können, sollten nach Meinung des DVR Kreuzungen so gestaltet werden, dass freie Sicht auf Radfahrer gegeben ist. Dies kann zum Beispiel durch eine verbesserte Spurführung für Rad- und Kraftfahrer geschehen. Die Anbringung von besonderen Spiegeln im Kreuzungsbereich kann ebenfalls hilfreich sein.

Aber auch in der Fahrzeugtechnik kann etwas getan werden: Der DVR empfiehlt, in Lkw-Fahrerhäusern sogenannte Fresnel-Linsen zu verwenden, die durch Lichtbrechung einen Einblick in den Toten Winkel erlauben. Ebenso rasch zu verwirklichen wäre eine Schaltung der Positionsleuchten, so dass diese beim Abbiegen entsprechend dem Fahrtrichtungsanzeiger blinken. Andere fahrzeugtechnische Möglichkeiten bestehen im Einsatz von Kamerasystemen. Ein hohes Potenzial zur Unfallvermeidung haben elektronische Abbiegeassistenten, die den Fahrer bei Gefahrensituationen warnen und gegebenenfalls selbstständig bremsen. Derzeit verfügbare Systeme sind nach Meinung des DVR allerdings noch nicht ausreichend zuverlässig. Der DVR fordert die Industrie auf, Abbiegeassistenten mit hoher Priorität weiterzuentwickeln und zur Marktreife zu bringen. Solche Systeme sollten sobald wie möglich vom Gesetzgeber vorgeschrieben werden.


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100 Prozent geschnallt?!

Landesweite Aktion in Mecklenburg-Vorpommern

Arthurs strahlende Kinderaugen blicken vom Landstraßenplakat nahe Linstow auf vorbeifahrende Fahrzeuge. In seinem Kindersitz gesichert ist der Fünfjährige eines der 100 Kinder aus Mecklenburg-Vorpommern, die Autofahrer zu sicherem Verhalten auffordern.

Kann man ein ganzes Bundesland motivieren, an einem Strick zu ziehen? Man kann es versuchen. Und es ist einen Versuch wert. Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sollen überzeugt und bewegt werden, Kinder im Auto immer richtig zu sichern: 100 Prozent!

240 Mütter und Väter haben Fotos ihrer Kinder im Kindersitz bei der Landesverkehrswacht eingereicht oder ließen ihre Söhne und Töchter bei Veranstaltungen fotografieren, etwa beim MV-Tag oder bei der Automesse Rostock. Die 100 Gewinnerinnen und Gewinner sind ab September 2014 auf den 100 Großflächenplakaten im ganzen Land abgebildet – wenn möglich in der Nähe ihres Wohnortes. Zusätzlich konnten alle Beteiligten viele wertvolle und interessante Familienpreise gewinnen.

Die Landesverkehrswacht Mecklenburg-Vorpommern als Initiatorin der Kampagne weist darauf hin, dass in MV jährlich 150 Kinder bis zehn Jahre im Pkw verunglücken. Die Folgen bei solchen Unfällen sind umso schlimmer, wenn mitfahrende Kinder nicht oder nicht altersgerecht gesichert sind. Laut Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) wurden im Jahr 2013 bundesweit auf Landstraßen nur 85 Prozent der Jungen und Mädchen vorschriftsmäßig in Kinderrückhaltesystemen gesichert.

Christian Pegel, Minister für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung, bei der Enthüllung des Plakates: „Es sind zwar nur relativ wenige Menschen, die noch immer nicht verstanden haben, wie wichtig die richtige Sicherung im Auto für das Leben und die Gesundheit von Kindern ist. Doch der Aufwand lohnt sich, auch diese Menschen zu überzeugen.“

Demnächst wird’s dann ernst. In einer großen Aktion wird durch die Polizei kontrolliert: 100 Prozent in MV geschafft? Oder gibt es immer noch Menschen, die ihre Kinder ungesichert in Lebensgefahr bringen?

„Mit dieser bundesweit einmaligen Aktion“, so Hans-Joachim Hacker, Präsident der Landesverkehrswacht, „setzen wir einen Akzent zu mehr Sicherheit und Wir-Gefühl in unserem schönen Bundesland.“

Idee und Medien zur Kampagne kamen von der DVR-Tochterfirma GWM. Die Partner der Kampagne in Mecklenburg-Vorpommern sind die Landesverkehrswacht, die Landespolizei, das Land, der NDR, die Provinzial Versicherungen und die AOK Nordost.

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